HÄRING - TEXTE
 

 

Lichtreklame im Städtebild.


Die Leitung Ihrer Tagung hat mir den Auftrag gegeben, im Rahmen Ihrer Vorträge [gestrichen: über das Licht im Dienste der Werbung] Ausführungen [hs. ergänzt: über die Lichtreklame im Städtebild] zu machen und dieses Thema von der aesthetischen Seite aus zu behandeln, da sie offenbar der Auffassung ist, dass neben den vielen technischen Bearbeitungen des Gegenstandes ihrer Tagung auch die Frage des Künstlerischen zur Geltung zu bringen sei. Zunächst möchte ich daraus den Schluss ziehen, dass die Ingenieure, die mit dem Licht arbeiten, sich bewusst sind, dass ausser den reinen Fragen der Konstruktion und der Erfüllung bestimmter Leistungsansprüche noch geheime Zusammenhänge mit anderen Dingen vorhanden sind, die nicht ignoriert werden können, obwohl sie weder technisch noch [hs. ergänzt: physiologisch noch] sonstwie wissenschaftlich fassbar sind.
Es ist sehr schmeichelhaft für uns, dass Sie sich mit dieser Sorge an die Architekten wenden, und dass Sie das Vertrauen und die Hoffnung haben, von uns über diese Dinge etwas erfahren zu können. Nun ist unsererseits zu sagen, dass gerade über aesthetische Dinge die Meinungen gegenwärtig ausserordentlich auseinandergehen, und dass es deshalb keinen rechten Nutzen verspricht, das Thema von der aesthetischen Seite aus zu behandeln. Zudem, möchte ich behaupten, können aesthetische Prinzipien nicht als primäre Gesetze angesehen werden, sondern sie sind Ableitungen und haben zur Voraussetzung die Allgemeingültigkeit einer ganzen Reihe von Anschauungen und Begriffen, eine Voraussetzung, die heute keineswegs mehr zutrifft. Ich halte es deshalb für zweckmässiger, nicht Werturteile über künstlerische Dinge vom Standpunkt bestimmter Kunstanschauungen aus zu geben, sondern zu versuchen, den allgemeinen Tatbestand der Materie in Hinblick auf gestalterische Fragen zu umreissen und verschiedene Prinzipien gestalterischen Arbeitens und die mit diesen gegebenen Gesetzmässigkeiten und Beziehungen zu anderen Problemen, insbesondere zu allgemeinen Bauproblemen, darzustellen. [hs. Ergänzung: Außerdem noch eines: Das Lichterm[?, beschädigtes Manuskript] einer Bahnhofsanlage, eines Industri[?, bechädigtes Manuskript] unseren Augen ein außerordentliches Schauspiel, aber dieses Schauspiel ist als solches nicht beabsichtigt, so wenig wie das Schauspiel beabsichtigt ist, das uns die untergehende Sonne beschert. Wir können hier natürlich nur von solchen Lichtkünsten sprechen, die um eines bestimmten Ausdrucks willen gemacht werden, die gemacht werden um rein augenhafter Genüsse willen.]
An dem Material, mit dem Sie arbeiten, am LICHT, haftet von Natur aus eine so starke Wirkung künstlerischer Art, ausserdem findet es den Menschen jeweils im Zustand gesteigerter Empfänglichkeit vor, da es nur auf der Scene erscheint wenn es Nacht ist, dass alle weiteren künstlerischen Probleme zunächst nachgeordnet erscheinen gegenüber der berauschenden und suggestiven Wirkung des Lichtes überhaupt, dass man zunächst ganz allgemein sagen kann: je mehr Licht, um so grösser ist die Wirkung. Aber mit dieser allgemeinen Glorifizierung des Lichts ist kaum etwas anzufangen, denn es handelt sich gerade für Sie vorzugsweise darum, innerhalb dieser ganz allgemeinen Tatsache Entscheidungen zu treffen, es handelt sich vor allen Dingen darum, mit den ins Feld gebrachten Lichtmengen die grösstmögliche Leistung herbeizuführen. Es ist ja ohne weiteres klar, dass diese Leistung noch nicht identisch ist mit der Menge des Lichtes, die Sie einsetzen. Es handelt sich also um eine Organisation von Lichtmengen und um eine Disziplinierung des Lichtes zu bestimmten Wirkungen, und es handelt sich ausserdem um eine Qualifizierung des Lichtes zu bestimmten Wirkungen.
Man hat mir gesagt, dass man in den Kreisen der Beleuchtungstechniker sehr stolz ist auf den Standpunkt der deutschen Leistung, da dieser Standpunkt gerade die Forderung einer äussersten Disziplinierung aufgestellt hat, im Gegensatz zu den Amerikanern, die die Wirkung der Reklame ein wenig nach der Zahl der Birnen bemessen, die sie ins Feld führen und die also einen Standpunkt der Verschwendung und der Massen einnehmen. Der Amerikaner ist noch primitiv genug, um auf Masse zu reagieren; für ihn ist ja immer noch the greatest and the biggest of the world das Leitmotiv aller Bewertungen. Er ist auch wohlhabend genug, bei so primitiven Neigungen und Urteilen bleiben zu können. Aber es ist doch verkehrt, nur diese Seite seines Standpunktes zu sehen, der dem unseren entgegengesetzt ist, und die andere zu ignorieren, - denn die andere Seite ist eben die, dass sich die reine Wirkung seiner Lichtmassen ins Märchenhafte steigert, und dass er so eine Wirkung erreicht, die der Natur des Lichtes entspricht, und die in der Tat die suggestive Macht enthält, die wir als substanziell von der Reklame verlangen. Dem gegenüber fällt der künstlerische Dilettantismus, der im Einzelnen herrscht, kaum mehr ins Gewicht. Gerade hier wäre dem Standpunkt der Deutschen, dem Standpunkt der wohldisziplinierten Lichtorganisation, entgegenzuhalten, dass eine Disziplinierung sehr häufig auf Kosten des Suggestiven geht, dass die wohldisziplinierte Reklame oft nicht mehr suggestiv wirkt. Der amerikanischen Reklame gegenüber wäre von der deutschen Reklame zu sagen, dass sie sich in sehr vielen Fällen lediglich darauf beschränkt, etwas bekanntzugeben, [hs. ergänzt: durch] irgend einen Namenszug, ein Schriftzeichen [hs. ergänzt: eine Firma] oder eine Ware [hs. ergänzt: eben lediglich] als vorhanden mitzuteilen, ohne dass sie irgendwie noch das Bedürfnis darüber hinaus hat, in die Reklamewirkung etwas Suggestives hineinzulegen, dass sie also gerade auf das verzichtet, was das Spezifische der Reklame ist. Nun mag man es als wohlgesittet und dem deutschen Wesen entsprechend bezeichnen, dass man sich auch in Anpreisungen Zurückhaltung auferlegt. Aber ich könnte diese Rechtfertigung nur gelten lassen, wenn glaubhaft zu machen wäre, dass wir dieses Prinzip der Zurückhaltung auch aufgestellt haben würden, wenn wir ebenso wohlhabend wären wie die Amerikaner. Inzwischen scheint es nützlich zu sein, auch die Schattenseite der deutschen Beherrschtheit, der deutschen Zurückhaltung nicht ganz zu verschweigen, insbesondere da in ihr [hs. ergänzt: sich] da und dort, und vorzugsweise bei Behörden, oft eine Art Lichtangst entwickelt, die zweifellos dem natürlichen Verlangen des Menschen nach Licht nicht entspricht, einem Verlangen, für das noch der sterbende Goethe sich mit seinen letzten Worten einsetzte: mehr Licht!
Nun, es arbeiten heute sehr viele Menschen daran, diesen letzten Wunsch Goethes zu erfüllen, und wenn es noch ein Hemmnis in der restlosen Erfüllung dieses Wunsches gibt, so ist es der Mangel an Geld und nicht der Mangel an Verlangen nach Licht. Wer aber dem Verlangen nach Licht widerspricht, ist von Natur finster und ein Feind des Lichts. - Licht ist allerdings noch nicht identisch mit Reklame. Mehr Licht, heisst nicht ohne weiteres: mehr Lichtreklame, sonst müsste ich selbst einschränken. Mehr Lichtreklame, unter allen Umständen mehr Lichtreklame, könnte [hs. ergänzt: vielleicht] auch verhängnisvoll werden.
Wenn indessen gegen die Lichtreklame Einwände erhoben werden, so gelten diese Einwände nicht dem Licht, sondern der Reklame; und die Lichtreklame ist ja vorzugsweise nur so lange schön, wie sie Licht ist und weniger Reklame. Ohne Zweifel befinden wir uns hier den Amerikanern gegenüber im Vorteil, insofern, als bei den Amerikanern in der Tat öfter als bei uns die Reklame in der Welt des Lichtes stört.
Wir können also zusammenfassen, das Licht braucht die Reklame nicht, aber die Reklame braucht das Licht. Die Frage ist nur, wie gebraucht sie das Licht, zu welchen Wirkungen verwendet sie es. Das Grundelement aller Ankündigungen ist der Buchstabe, das Wort, ausser der Ausstellung der Ware selbst. Das künstliche Licht gibt die Möglichkeit, die Ankündigungen auch bei Nacht leserlich zu machen, gibt die Möglichkeit, die Waren auch bei Nacht beschaubar zu machen. Ja, das Licht gibt nicht allein diese Möglichkeiten, sondern es gibt auch die Möglichkeit, beide aus einem alltäglichen und nüchternen Zustand herauszuheben und zu verzaubern. Das entscheidende Moment, auf das sich die gewaltige Ausdehnung der Verwendung des Lichtes für Ankündigungen gründet, ist zweifellos nicht der Umstand, dass die Menschen in den Grossstädten heute auch bei Nacht unterwegs sind, sondern der Umstand, dass die Fülle des Lichtes die Ware und den Käufer in einen Zustand der Verzauberung versetzt. Mit diesen beiden Leistungsansprüchen an das Licht, mit dem Anspruche auf Sichtbarmachung und mit den Anspruch auf Verzauberung sind die beiden Aufgaben erschöpft, die die Lichtreklame zu erfüllen hat.
Über die verschiedenen Arten, die Schrift leserlich zu machen und über die verschiedenen Lichtqualitäten und ihre Tauglichkeit für die Reklame brauche ich mich hier nicht auszulassen, da Sie in anderen Vorträgen darüber hinreichend unterrichtet werden. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit für einige andere, mehr architektonische Fragen, die mit dem räumlichen Aufbau der Lichtreklame zusammenhängen, in Anspruch nehmen. [Gestrichen: Hier wäre zunächst festzustellen, dass die Lichtreklame bis heute sich fast ausschliesslich darauf beschränkte, ihre Ankündigungen oder auch ihre Ware auf irgend eine Art durch Licht sichtbar zu machen (und das Anleuchten von ganzen Häusern, wie es seit kurzem möglich ist, gehört auch mit in dieses Kapitel) dass sie aber noch nicht dazu übergegangen ist, selbständige Lichtgebilde aufzuführen, eine Art Lichtplastik zu schaffen, die ihren selbständigen Wert hätte, der nicht unmittelbar mit der Anpreisung einer bestimmten Ware zu tun hat. Hierüber habe ich später noch einiges zu sagen. Im Augenblick möchte ich ausserdem noch festhalten, dass auch die Ankündigungen selbst noch kaum angefangen haben, das Haus, an dem sie im allgemeinen angebracht sind, anzugreifen und es für die eigenen Zwecke nutzbar zu machen, sondern dass sie sich damit begnügen, am Hause, und zwar an den meist alten Fassaden angebracht zu werden.] [hs. ergänzt: Die Lichtreklame beschränkt sich ziemlich allgemein darauf, ein Wort, ein Firmenzeichen oder dergl. zu beleuchten oder leuchtend zu machen, sie bezieht selten einmal die nähere, erst recht nicht die weitere Umgebung in die Behandlung mit ein, zieht sie zur Wirkung mit heran. Noch seltener greift die Lichtreklame die Gestalt des Hauses an, an dem sie angebracht ist, um es für die eigenen u. besonderen Wirkungszwecke nutzbar zu machen. Sie begnügt sich damit lediglich an irgend einem Hause, meistens an alten Fassaden angebracht zu werden, so angebracht zu werden wie man einen Orden am Rock ansteckte.]
Diese alten Fassaden sind [hs. ergänzt: nun durchaus] nicht dafür gebaut; eine Verständigung zwischen ihnen und dem Reklamebedürfnis ist nicht möglich. Das letztere erweist sich immer als zwingender und stärker als die Achtung vor dem Kunstwert der Fassaden. Alte Fassaden in diesem Betracht sind aber nicht nur die alten Mietshäuser und Mietspaläste aus dem vorigen Jahrhundert, alte Fassaden sind auch Wertheim und Tietz z. B. Wenn diese Firmen ihre grossen Verkaufsfeste feiern, muss [hs. ergänzt: selbst] die edelste Architektur darunter leiden. Weisse Wochen hält der beste Messel nicht aus. Schon die Anbringung einer Lichtreklame auf dem Dach macht Sorgen. Diese Häuser sind eben noch für keine Art von Reklame eingerichtet. Die Gegenwart behandelt das Haus, die Hausfront wie eine Wandtafel, auf die jeder Einzelne seine Ankündigungen hinschreibt wo er den Platz dazu findet. Häuserfronten erscheinen heute wie riesige Plakattafeln, die durch einige Fenster unterbrochen sind. Dieser Zustand ist unhaltbar, denn er ist nicht konsequent. Viele werden sagen, er sei auch unkünstlerisch, aber dieses scheint nebensächlich zu sein, denn das Entscheidende ist, dass er einfach albern ist. Wir haben auch weiter noch festzustellen, dass die grossen Leistungen unserer heutigen Beleuchtungstechnik es zulassen, dass man die Schriftzeichen auch auf den Dächern der Häuser anbringt, nicht nur, wie früher, nur im Erdgeschoss und bestenfalls im ersten Stock. Ja, das Dach [gestrichen: ist] [hs. ergänzt: erweist sich als] besonders geeignet, leuchtende Schriftzüge aufzunehmen, da sie von hier aus sowohl auf grosse Fernen sichtbar werden, als auch sich gegen den Nachthimmel besonders vorteilhaft abheben. Mit der Eroberung des Daches durch das Licht wird aber der Fassadenkunst alten Stils vollends das Lebenslicht ausgeblasen. Vom Sockel des Hauses aus nach oben, vom Dach des Hauses aus nach unten, dringt die Reklame über die Frontfläche vor, und, wenn sich noch Architektur an ihr halten kann, so ist es in der Gegend des 3. und 4. Stockes. Aber von dieser Architektur wird niemand behaupten können, dass es noch eine Architektur ist, und dass sie Ansprüche auf Würdigung erheben kann. Sie ist lediglich eine Art Baulücke in der Stadt der Reklame. Auch wird ja nie ein Bauherr auf die Idee kommen, von seinem Architekten zu verlangen, dass er an seinem Neubau im 4. oder 3. Stock Architektur anbringe, bis zum 3. Stock aber und vom Dach aus, die Fassade für die Aufnahme von Reklame vorbereite. Die modernen Architekten sind deshalb konsequent genug gewesen, den ganzen Fassadenzauber aufzugeben. Sie betrachten die Front des Hauses als ein Gerüst zur Unterbringung von Schriftzeichen, Leuchtreklame und ähnlichen Dingen.
In dieser Etappe der Entwicklung, in der wir uns gegenwärtig befinden, stellt die Fassade dem Architekten lediglich die Aufgabe, zwischen den Schriftflächen und den Einfallöchern des Lichtes in das Innere des Hauses, d. h. den Fenstern, ein angenehmes Verhältnis herzustellen. Dabei kommt es allerdings vor, wie einige Neubauten am Kurfürstendamm verraten, dass dieses Verhältnis sehr zu Ungunsten der Fenster ausfällt, ein Ergebnis, das auch im Innern des Hauses eine reichliche Verwendung des Lichtes, selbst während des Tages (allerdings weniger zu Reklamezwecken) zur Folge hat. Aber die Bauherren zur besseren Ausnutzung des Tageslichtes anzuhalten, ist ja nicht Sache dieser Tagung der Beleuchtungstechniker. Die natürlichste Lösung, die hier gewissermassen auf der Hand liegt, die durch die Struktur der Fronten gegeben ist, ist die einer Aufteilung der Fronten in Schriftbänder und Fensterbänder, - eine Frontbehandlung, die auch nachts ein durchaus klares und konsequentes Bild ergiebt, indem sie durch die Beleuchtung der Schriftbänder in eine andere Art von Bebänderung, von belichteten Schrifttafeln und innenbelichteten oder dunkelen Fenstern sich aufteilt.
Diese Frontbehandlung haben in folgerichtigerweise Mendelsohn und Luckhardt bei ihren Bauten durchgeführt. Das Neue, das sich auf diesem Wege der Lichtreklame in die Frontbehandlung beinahe unbemerkt eingeschlichen hat, ist, dass das Nachtbild oder das Lichtbild der Front für den Architekten wichtig geworden ist, ja, wichtiger als das Tagbild, und dass die Reklameforderungen die Struktur der Fassade überhaupt festlegen. Es kommt dazu, dass auch der bauende Geschäftsmann inzwischen begriffen hat, dass das Nachtbild für das Ansehen seines Hauses von grösserer Wichtigkeit ist als das Tagbild. Und da jeder Geschäftsmann das Aussehen seines Geschäftshauses nach dessen Werbewert für sein Geschäft beurteilt, so ist auch der Geschäftsmann garnicht darüber im Zweifel, dass er in vielen Fällen das Nachtbild dem Tagbild vorzuziehen hat. Wir können aber ohne weiteres zugeben, dass diese Wirkung der beleuchteten Beschriftungen auf die Frontgestaltung nicht nur dazu geführt hat, nunmehr von einem Nachtbild der Front zu sprechen, sondern dass es auch rückwirkend auf das Tagbild der Front einen heilsamen Einfluss ausgeübt hat, insofern, als die Tatsache, dass das Haus von der Lichtreklame aus vom Sockel bis zum Dach als ein einheitliches Gebiet angesehen wird, auch für die Tagfassade mit der Aufteilung in verschieden bewertete übereinandergeschichtete Stockwerke aufgeräumt hat. Selbstverständlich bedeutet diese Verschiebung an den Fronten eine ganz gewaltige Maßstabverschiebung, die sich an der Gestalt, an der Physiognomie der Strassen und Plätze stark geltend macht. Während unsere früheren Geschäftsstrassen ganz deutlich eine Schichtung aufweisen in die unteren Ladengeschosse und in einen Rest, der kaum mehr als architektonisch wahrgenommen wird, sondern lediglich als Hausmasse existiert, stellt sich heute eine Front wie die neue Front von Telschow [hs. ergänzt: am Potsdamer Platz in Berlin] eindringlich, vom Sockel bis zum Dachabschluss als eine einzige Form dar.
Die Zweiteilung der Fronten, von der ich eben sprach, führte in Holland dazu, eine ganze Strasse architektonisch auf dieser Teilung aufzubauen. Ich kann Ihnen von dieser Strasse ein Tag- und ein Nachtbild zeigen, ausserdem eine Einzelaufnahme. Beachten Sie, dass die Proportionierung der Strasse sich vollkommen verschiebt, und dass über der unteren Lichtzone keine Lichtreklame mehr erscheint. Das ist eine Einschränkung aus architektonischen Gründen, die man nicht für ganz gerechtfertigt halten kann.
Ausser dieser Auflösung der Fronten in Schrift- und Fensterbänder gibt es aber auch noch einen anderen Weg, die ganze Front als solche zu fassen, indem man sie kompositionell als Fläche, sowohl in horizontaler als auch in vertikaler Richtung hin ausbaut, ohne irgend einer der beiden Richtungen den Vorzug zu geben. Diese Möglichkeit liegt da vor, wo an alten Häusern die Fenster noch nicht ein so grosses Ausmass angenommen haben, dass sie als Bänder an den Fassaden dominierend werden, sondern dass sie nur bescheidene, und wesentlich vertikal wirkende Fensteröffnungen darstellen, die noch den Eindruck einer zweidimensional wirkenden Front erhalten.
In dem Wachthof in der Luisenstrasse in Berlin, hat Arthur Korn diesen Weg eingeschlagen und mit dieser Lösung gezeigt, nicht nur, dass sie differenzierter und mannigfaltiger im Aufbau ist als die rein horizontale Beleuchtung der Schriftbänder, sondern dass sie auch dazu führt, die Fassade mit den verschiedenen Horizontal- und Vertikalbeleuchtungen, mit Lichtschlitzen und Schattenteilen kompositionell zu erfassen; das heisst, in der Tat nunmehr ein Lichtgebilde mit selbständigen gestalterischen Absichten zu schaffen. Mit dieser Behandlung, die natürlich nicht auf alte Fassaden beschränkt zu werden braucht, sind gestalterische Möglichkeiten angeschnitten, die dazu führen werden, eine Front als eine Lichtplastik aufzubauen, während von der Horizontalbeleuchtung gesagt werden muss, dass in ihr noch der alte Begriff der Front und der Fassade aufrechterhalten ist, dass die Front noch als eine Fläche angesehen wird, und diese Fläche eben mit Ankündigungen beschrieben wird. Ich werde später ein anderes Beispiel von Korn zeigen, in dem er auf diesem Wege noch ein Stück weiter geht.
Ein Berliner Künstler, Nicolaus Braun stellt schon seit Jahren Leuchtplastiken aus, die in ihren Prinzipien durchaus das sind, wovon hier die Rede ist. Ich möchte deshalb nicht versäumen, Ihnen davon einige Beispiele zu zeigen, damit Sie deutlich sehen, welche Wege hier beschritten werden, um ein plastisches Lichtbild zu erreichen. In diesem Lichtplastiken von Braun wird eine Tiefenwirkung des Raumes durch eine einfache kulissenmässige Aufstellung und durch Verdecken der Lichtquellen erreicht. Diese Lichtbilder enthalten nun zwar grundsätzlich die 3. Dimension, aber sie sind noch durchaus auf die Fläche bezogen. Sie enthalten die 3. Dimension im selben Sinne wie das plastische Relief die 3. Dimension enthält. Sie kennen, wie das Relief und das Guckkastentheater nur einen festen Standpunkt vor sich.
Ich kann Ihnen aber auch noch Arbeiten zeigen von einem anderen modernen Künstler, Arbeiten von Gabo, der auch dieses Reliefprinzip noch aufgegeben hat, der in der Tat räumlich denkt und Gebilde schafft, die nicht nur im Sinne einer Rundplastik bestehen, sondern die selbst noch die Gebundenheit einer Rundplastik aufheben und einen Standpunkt zulassen, der in dem Werk selbst liegt, der also ein Arbeiten und Gestalten im Raum vornimmt, wie es gerade praktisch bei der Lichtgestaltung von Plätzen vorliegt, bei denen ja der Beobachter inmitten des Objektes steht. Ich führe Ihnen die Arbeiten dieser beiden Künstler vor, um Ihnen auf dem Gebiet der bildenden Künste in reiner Form die verschiedenen Grade einer gestalterischen Bearbeitung des Problems der Lichtgebilde im Raum zu zeigen, und füge noch hinzu, dass mit diesen 3 Graden die Möglichkeiten der Lichtgestaltung im Raum überhaupt erschöpft sind. Der anfänglichste Zustand, gewissermassen der Ausgangspunkt und das Grundelement der Lichtreklame, ist die rein flächenmässige Bearbeitung eines Schriftschildes. Der nächste und entwickeltere Zustand der Leuchtgebilde ist ein Aufbau von Licht- und Schattenflächen nicht nur in der Fläche, sondern auch nach einer Tiefenwirkung hin, und als letzte Möglichkeit steht uns noch die Entwicklung der Lichtgebilde nach allen Richtungen hin bevor: nach vorn und rückwärts, nach oben und nach unten sich entfaltende Lichtgebilde, in denen der Mensch sich selbst bewegt, und denen gegenüber er dauernd seinen Standpunkt verändert, um dauernd neue Eindrücke zu erhalten.
Ein praktisches Beispiel des 2. Zustandes, das sich in gewisser Weise auch schon dem 3. Zustand nähert, kann ich Ihnen noch zeigen. Es ist der kleine Ladeneinbau der Firma Kopp & Joseph am Kurfürstendamm in Berlin, den der berliner Architekt Korn vor kurzem fertiggestellt hat. Hier ist zunächst überhaupt keine Hauswand mehr existent, mehr fassbar. Hier ist ein Aufbau von leuchtenden und beleuchteten Gegenständen, von Flächen und Körpern, der sich senkrecht zur Baufront entwickelt, der einerseits in den Strassenraum hinausgreift, andererseits noch die hinterste Wand des Ladenraumes in die Raumkomposition mit einbezieht. Die Instrumente der Anpreisung, Worte und Zeichen, sitzen hier nicht lediglich da, wo gerade Platz für sie ist, sondern da, wo sie an der Komposition des ganzen Raumes beteiligt sind, sie sitzen sogar geradezu in den Gelenkpunkten dieser Komposition.
Mit dieser kleinen aber überaus geistvollen Lösung ist alles angeschnitten, was an Problemen für eine Leucht- oder Lichtarchitektur infrage kommt, vor allen Dingen gibt sie bereits eines: sie demonstriert die Entwicklung der Komposition nach allen Richtungen hin. Nach allen Richtungen gilt für dieses Objekt für den Betrachter, der sich im Laden selbst befindet. Für den Standpunkt von der Strasse aus ist bei der geringen räumlichen Ausdehnung des Objektes selbstverständlich überhaupt nur eine Teilentfaltung möglich. Es ist mir kein Beispiel einer grösseren Architektur dieser Art bekannt, aber ich hoffe, dass Sie sich bereits an diesem kleinen Objekt ein Bild davon machen können, was wir zu erwarten haben wenn es einmal möglich sein wird, das Prinzip dieses kleinen Ladenbaues auf ein grosses Geschäftshaus oder gar auf einen Platz zu übertragen und durchzuführen. Die Reklameinstrumente selbst sind in diesem Falle vollkommen nachgeordnet, die einzelnen Schriftzeichen fügen sich dem ganzen kompostionellen Bau der Anlage ein, und doch wirkt letzten Endes als die beste Reklame der Laden als Gesamtes durch die grosse künstlerische Kraft, durch das gestalterische Niveau und den Takt des organisatorischen Ordnens.
Ich sagte eben, dass uns noch eine grosse Entwicklung bevorstehe, wenn erst das Prinzip dieses kleinen Ladenbaues auf grössere Objekte übertragen werden könne. Die Durchführung dieses Prinzips würde nun eine vollkommene Veränderung in der gesamten Auffassung des Hauskörpers herbeiführen, die grundsätzlich architektonischer Art ist, eine Veränderung, die bereits von einer ganz anderen Seite her von einigen modernen Architekten angestrebt wird. Ich glaube sagen zu können, dass an der Vorbereitung für diese Veränderung nicht wenig die gewaltige Entwicklung des künstlichen Lichtes teil hat. Ich möchte versuchen, Ihnen gerade diese gestalterischen Veränderungen, die hier eine entscheidende Umwälzung hervorbringen können, etwas deutlicher zu machen. Das gegenwärtige Haus in unserer Landschaft, den Begriff Haus wesentlich bestimmend, ist ein kastenmässiger Körper, dessen Aussenwände eine feste substanzielle Schale zwischen dem Inneren des Hauses und der Aussenwelt bilden. Das Haus ist bis heute eine gemauerte Kiste, in die Löcher hineingeschnitten sind, damit Licht in das Innere der Kiste komme. Ein moderner Architekt hat unsere bisherigen Häuser sehr treffend "Sachsärge" genannt. Sie wissen, dass gegen diese Auffassung des Hauses die moderne Bewegung in der Baukunst einen Angriff unternommen hat. Sie unternimmt es, den Kastenbegriff des Hauses zu zerstören, um ein neues licht- und luftdurchflutetes Gebilde für den heutigen Menschen zu schaffen. Der Baukörper kennt ausserdem keine substanziell wirkende Abgrenzung nach aussen hin mehr, sondern ist lediglich ein Zellensystem, das sich gewissermassen aus dem Weltraum heraustrennt, ohne sich deshalb gegen den Raum abzuschließen. Der kubische Kastenkörper ist aufgerissen, der Aussenraum geht bis in die Tiefe des Hauses, und aus dem Inneren des Hauses langt man wiederum direkt in den freien Raum.
Die Massivität des Hauses ist aufgehoben, man spricht selbst von einem "schwebenden Haus". Ein solches Haus ist nicht zu errichten ohne Glas. Es ist auch nicht zu errichten ohne Eisen und ohne Zement. Es ist nicht zu errichten ohne Metalle. Diese neue Baukunst ist vor allen Dingen eine Glasarchitektur, und diese Glasarchitektur ist auf dem Marsch. Glaspaläste gab es schon vor beinahe 100 Jahren. Es ist interessant daran zu denken, dass damals bereits, zu der Zeit, zu der wir eben gelernt hatten, Eisenkonstruktionen grösseren Umfanges zu machen, dass zu jener Zeit bereits Architekten und Ingenieure jenes grosse Ziel einer neuen Glasarchitektur aufstellten, dieses aber damals nur an grossen Hallen verwirklichen konnten. Es war leichter möglich, bei den Hallen diesen Begriff vom Haus durchzuführen, da den Hallen gegenüber der alte Kastenbegriff nicht so zwingend war. Aber beim übrigen, in der Geschichte stärker verwurzelten Hausbau, insbesondere beim Wohnhausbau, hat sich der Kastenbegriff bis heute aufrechterhalten, und es scheint erst jetzt zu gelingen, auch den Hausbau von der Eisenkonstruktion und der Glasarchitektur aus anzugreifen. Vielleicht, dass dazu die ganz allgemeine Begeisterung für Licht und Luft nötig war, die wir in unserem Jahrhundert erleben. Licht, Glas und Metall gehören zusammen, und zu ihnen gehören noch eine ganze Reihe jener neuen Erzeugnisse, die uns die heutige Technik schenkt. Ich erinnere auch noch an das Glashaus von Bruno Taut und an das Fabrikgebäude von Gropius, das 1914 auf der Werkbundausstellung in Köln zu sehen war.
Vor einigen Jahren hat Taut sich selbst ein Haus gebaut, bei dem vielleicht das Neueste ist, dass das Nachtbild dieses Wohnhauses, das ich Ihnen zeigen kann, nicht nur vom Architekten angestrebt wurde, sondern den nachhaltigsten Ausdruck dieses Hauses ausmacht.
Im letzten Jahre wurde in Stuttgart von Döcker das Lichthaus LUTZ gebaut, dessen Aussenwand vollkommen aus Glas ist, und im Haag ist z. Zt. ein grosses Eckhaus im Bau, das Haus de Volharding, dessen Aussenwände ebenfalls vollkommen aus Glas sind. Das Haus LUTZ ist ein Geschäftshaus für eine beleuchtungstechnische Firma, und besonders dadurch interessant, dass das Haus noch bekrönt wird von einem grossen leuchtenden Stern, der in dem Nachtbild Stuttgarts, das ja besonders anziehend ist, da es durch die angrenzenden Hügel vielfältig genossen werden kann, von ausserordentlicher Bedeutung und Wirkung ist. Sonst muss ich aber bei dem Haus Lutz und bei dem Haus de Volharding darauf aufmerksam machen, dass für beide die Verwendung des Glases den Kastenbegriff selbst noch keineswegs aufhebt, sondern dass das Glas, das in diesem Falle opakes Glas ist, das Substanzielle der alten Hauswand durchaus noch erhält, auch rein architektonisch gestalterisch in der Entwicklung des Räumlichen keineswegs den Kastenbegriff aufhebt. Immerhin stehen auch diese Häuser einen Schritt näher zur Aufhebung der Massivität, einen Schritt näher der Befreiung des Hauses von der Masse Stein.
Es ist sicher nur eine Frage der nächsten Jahre, dass wir mit der Glasarchitektur im Sinne des Ladens Kopp & Joseph einen Schritt weiterkommen.
Ich habe von der Glasarchitektur etwas eingehender gesprochen, weil ich der Ueberzeugung bin, dass eine künstlerische Entwicklung der Lichtreklame im grossen Stil, gewissermassen zu einer höhren Stufe, sich nicht vollziehen kann, ohne die gleichzeitige Entwicklung einer Glasarchitektur, und weil ich der Meinung bin, dass beide sich gegenseitig bedingen und fördern. Die Lichtreklame mietet heute Platzwände und Dachfirste, wie man für Anzeigen Plätze und Spalten in Tageszeitungen mietet, Eine solche vermietete Annoncenplatzwand mit Leuchttexten kann gut oder schlecht werden; die Platzwand ist für sie dasselbe, was das Zeitungspapier für die Annonce ist, Untergrund für den Druck, - nur nicht so glatt wie Zeitungspapier, aber das bessert sich auch schon.
Stellen wir uns hingegen vor, dass eine Platzanlage oder eine Strassenwand in ihrer ganzen räumlichen Erscheinung planmässig und als Platz oder Strassengebilde auf eine grosse Lichtkomposition hin angelegt werde, in die sich die einzelnen Leuchtschriften, Wanderschriften usw. einordnen, so wird deutlich, dass die Lichtreklame, bezogen auf das Stadtbild, zu grösseren Gesamtwirkungen gebracht werden kann und muss, indem sie in räumliche Lichtkompositionen grössten Ausmasses einbezogen wird. Schon die bescheidenen Anfänge, die mit den Glashäusern gemacht sind, die ich Ihnen zeigen konnte, geben einen kleinen Begriff von dem hier Möglichen.
[hs. ergänzt: Besser aber noch als diese Glashäuser zeigen Ihnen ja die Festbeleuchtungen u. Lichtfeste, die Sie mit Recht nun etwas ernsthafter anfassen, was mit Lichtkompositionen gemeint ist. Hier erscheinen in der Tat bereits Gestaltungen, die durchaus augenhafte Werke beabsichtigen u. die außerdem Zusammenhänge suchen u. auch geben, die kompositorischer Natur sind. Wenn ich zu diesen Festbeleuchtungen noch etwas sagen darf, so ist es das, daß auch diese, wie die Lichtreklame, noch zu sehr in Abhängigkeit von den Häusern sich fühlen, daß sie noch ein Anlehnungsbedürfnis an gegebene Architekturen erwarten, noch viel von Illumination an sich haben. Ich zweifle nicht, daß es Ihnen gelingen wird, sie von diesen Hemmungen noch zu befreien u. ein rein augenhaftes Schauspiel mit den reichen Mitteln des Lichts zu entfalten. Wenn Sie wollen.]
Auf diese Weise würden wir natürlich von der amerikanischen Behandlung der Lichtreklame und von ihrer Haltung im Stadtbild noch weiter abkommen. Aber dieser so entstehende Abstand würde nicht beruhen auf den geringeren Geldmitteln, die uns zur Verfügung stehen, sondern darin, dass wir dem individualistischen Rasen des amerikanischen Reklamebedürfnisses, dem Lichtschiessen seiner Scheinwerferbatterien, wie Mendelsohn das nannte, das andere Prinzip und Ziel entgegensetzen, die Reklame durch ein grösseres Gerüst zusammenzuhalten und sie so zu einer noch gewaltigeren Wirkung bringen.
Schliesslich sei nicht vergessen, zu sagen, dass das phantastische Bild, das die Lichtfülle einer nächtlichen Reklamestadt bietet, einen wesentlichen Bestandteil des Ansehens unserer Großstädte bildet. Ja, man ist versucht, zu sagen, die Intensität einer Weltstadt kann gemessen werden an der Intensität ihres nächtlichen Lichtbildes. Wo nachts keine Lichter brennen, ist finstere Provinz.

1928, Typoskript m. hs. Bem. v. fr.H: "Vortrag gehalten auf der 16. Jahresversammlung der Deutschen Beleuchtungstechnischen Gesellschaft in Karlsruhe i. B. am 22. Juni 1928", HHA-01-607