Lichtreklame im Städtebild.
Die Leitung Ihrer Tagung hat mir den Auftrag gegeben, im Rahmen Ihrer
Vorträge [gestrichen: über das Licht im Dienste der Werbung]
Ausführungen [hs. ergänzt: über die Lichtreklame im Städtebild] zu
machen und dieses Thema von der aesthetischen Seite aus zu behandeln, da
sie offenbar der Auffassung ist, dass neben den vielen technischen
Bearbeitungen des Gegenstandes ihrer Tagung auch die Frage des
Künstlerischen zur Geltung zu bringen sei. Zunächst möchte ich daraus
den Schluss ziehen, dass die Ingenieure, die mit dem Licht arbeiten,
sich bewusst sind, dass ausser den reinen Fragen der Konstruktion und
der Erfüllung bestimmter Leistungsansprüche noch geheime Zusammenhänge
mit anderen Dingen vorhanden sind, die nicht ignoriert werden können,
obwohl sie weder technisch noch [hs. ergänzt: physiologisch noch]
sonstwie wissenschaftlich fassbar sind.
Es ist sehr schmeichelhaft für uns, dass Sie sich mit dieser Sorge an
die Architekten wenden, und dass Sie das Vertrauen und die Hoffnung
haben, von uns über diese Dinge etwas erfahren zu können. Nun ist
unsererseits zu sagen, dass gerade über aesthetische Dinge die Meinungen
gegenwärtig ausserordentlich auseinandergehen, und dass es deshalb
keinen rechten Nutzen verspricht, das Thema von der aesthetischen Seite
aus zu behandeln. Zudem, möchte ich behaupten, können aesthetische
Prinzipien nicht als primäre Gesetze angesehen werden, sondern sie sind
Ableitungen und haben zur Voraussetzung die Allgemeingültigkeit einer
ganzen Reihe von Anschauungen und Begriffen, eine Voraussetzung, die
heute keineswegs mehr zutrifft. Ich halte es deshalb für zweckmässiger,
nicht Werturteile über künstlerische Dinge vom Standpunkt bestimmter
Kunstanschauungen aus zu geben, sondern zu versuchen, den allgemeinen
Tatbestand der Materie in Hinblick auf gestalterische Fragen zu
umreissen und verschiedene Prinzipien gestalterischen Arbeitens und die
mit diesen gegebenen Gesetzmässigkeiten und Beziehungen zu anderen
Problemen, insbesondere zu allgemeinen Bauproblemen, darzustellen. [hs.
Ergänzung: Außerdem noch eines: Das Lichterm[?, beschädigtes Manuskript]
einer Bahnhofsanlage, eines Industri[?, bechädigtes Manuskript] unseren
Augen ein außerordentliches Schauspiel, aber dieses Schauspiel ist als
solches nicht beabsichtigt, so wenig wie das Schauspiel beabsichtigt
ist, das uns die untergehende Sonne beschert. Wir können hier natürlich
nur von solchen Lichtkünsten sprechen, die um eines bestimmten Ausdrucks
willen gemacht werden, die gemacht werden um rein augenhafter Genüsse
willen.]
An dem Material, mit dem Sie arbeiten, am LICHT, haftet von Natur aus
eine so starke Wirkung künstlerischer Art, ausserdem findet es den
Menschen jeweils im Zustand gesteigerter Empfänglichkeit vor, da es nur
auf der Scene erscheint wenn es Nacht ist, dass alle weiteren
künstlerischen Probleme zunächst nachgeordnet erscheinen gegenüber der
berauschenden und suggestiven Wirkung des Lichtes überhaupt, dass man
zunächst ganz allgemein sagen kann: je mehr Licht, um so grösser ist die
Wirkung. Aber mit dieser allgemeinen Glorifizierung des Lichts ist kaum
etwas anzufangen, denn es handelt sich gerade für Sie vorzugsweise
darum, innerhalb dieser ganz allgemeinen Tatsache Entscheidungen zu
treffen, es handelt sich vor allen Dingen darum, mit den ins Feld
gebrachten Lichtmengen die grösstmögliche Leistung herbeizuführen. Es
ist ja ohne weiteres klar, dass diese Leistung noch nicht identisch ist
mit der Menge des Lichtes, die Sie einsetzen. Es handelt sich also um
eine Organisation von Lichtmengen und um eine Disziplinierung des
Lichtes zu bestimmten Wirkungen, und es handelt sich ausserdem um eine
Qualifizierung des Lichtes zu bestimmten Wirkungen.
Man hat mir gesagt, dass man in den Kreisen der Beleuchtungstechniker
sehr stolz ist auf den Standpunkt der deutschen Leistung, da dieser
Standpunkt gerade die Forderung einer äussersten Disziplinierung
aufgestellt hat, im Gegensatz zu den Amerikanern, die die Wirkung der
Reklame ein wenig nach der Zahl der Birnen bemessen, die sie ins Feld
führen und die also einen Standpunkt der Verschwendung und der Massen
einnehmen. Der Amerikaner ist noch primitiv genug, um auf Masse zu
reagieren; für ihn ist ja immer noch the greatest and the biggest of the
world das Leitmotiv aller Bewertungen. Er ist auch wohlhabend genug, bei
so primitiven Neigungen und Urteilen bleiben zu können. Aber es ist doch
verkehrt, nur diese Seite seines Standpunktes zu sehen, der dem unseren
entgegengesetzt ist, und die andere zu ignorieren, - denn die andere
Seite ist eben die, dass sich die reine Wirkung seiner Lichtmassen ins
Märchenhafte steigert, und dass er so eine Wirkung erreicht, die der
Natur des Lichtes entspricht, und die in der Tat die suggestive Macht
enthält, die wir als substanziell von der Reklame verlangen. Dem
gegenüber fällt der künstlerische Dilettantismus, der im Einzelnen
herrscht, kaum mehr ins Gewicht. Gerade hier wäre dem Standpunkt der
Deutschen, dem Standpunkt der wohldisziplinierten Lichtorganisation,
entgegenzuhalten, dass eine Disziplinierung sehr häufig auf Kosten des
Suggestiven geht, dass die wohldisziplinierte Reklame oft nicht mehr
suggestiv wirkt. Der amerikanischen Reklame gegenüber wäre von der
deutschen Reklame zu sagen, dass sie sich in sehr vielen Fällen
lediglich darauf beschränkt, etwas bekanntzugeben, [hs. ergänzt: durch]
irgend einen Namenszug, ein Schriftzeichen [hs. ergänzt: eine Firma]
oder eine Ware [hs. ergänzt: eben lediglich] als vorhanden mitzuteilen,
ohne dass sie irgendwie noch das Bedürfnis darüber hinaus hat, in die
Reklamewirkung etwas Suggestives hineinzulegen, dass sie also gerade auf
das verzichtet, was das Spezifische der Reklame ist. Nun mag man es als
wohlgesittet und dem deutschen Wesen entsprechend bezeichnen, dass man
sich auch in Anpreisungen Zurückhaltung auferlegt. Aber ich könnte diese
Rechtfertigung nur gelten lassen, wenn glaubhaft zu machen wäre, dass
wir dieses Prinzip der Zurückhaltung auch aufgestellt haben würden, wenn
wir ebenso wohlhabend wären wie die Amerikaner. Inzwischen scheint es
nützlich zu sein, auch die Schattenseite der deutschen Beherrschtheit,
der deutschen Zurückhaltung nicht ganz zu verschweigen, insbesondere da
in ihr [hs. ergänzt: sich] da und dort, und vorzugsweise bei Behörden,
oft eine Art Lichtangst entwickelt, die zweifellos dem natürlichen
Verlangen des Menschen nach Licht nicht entspricht, einem Verlangen, für
das noch der sterbende Goethe sich mit seinen letzten Worten einsetzte:
mehr Licht!
Nun, es arbeiten heute sehr viele Menschen daran, diesen letzten Wunsch
Goethes zu erfüllen, und wenn es noch ein Hemmnis in der restlosen
Erfüllung dieses Wunsches gibt, so ist es der Mangel an Geld und nicht
der Mangel an Verlangen nach Licht. Wer aber dem Verlangen nach Licht
widerspricht, ist von Natur finster und ein Feind des Lichts. - Licht
ist allerdings noch nicht identisch mit Reklame. Mehr Licht, heisst
nicht ohne weiteres: mehr Lichtreklame, sonst müsste ich selbst
einschränken. Mehr Lichtreklame, unter allen Umständen mehr
Lichtreklame, könnte [hs. ergänzt: vielleicht] auch verhängnisvoll
werden.
Wenn indessen gegen die Lichtreklame Einwände erhoben werden, so gelten
diese Einwände nicht dem Licht, sondern der Reklame; und die
Lichtreklame ist ja vorzugsweise nur so lange schön, wie sie Licht ist
und weniger Reklame. Ohne Zweifel befinden wir uns hier den Amerikanern
gegenüber im Vorteil, insofern, als bei den Amerikanern in der Tat öfter
als bei uns die Reklame in der Welt des Lichtes stört.
Wir können also zusammenfassen, das Licht braucht die Reklame nicht,
aber die Reklame braucht das Licht. Die Frage ist nur, wie gebraucht sie
das Licht, zu welchen Wirkungen verwendet sie es. Das Grundelement aller
Ankündigungen ist der Buchstabe, das Wort, ausser der Ausstellung der
Ware selbst. Das künstliche Licht gibt die Möglichkeit, die
Ankündigungen auch bei Nacht leserlich zu machen, gibt die Möglichkeit,
die Waren auch bei Nacht beschaubar zu machen. Ja, das Licht gibt nicht
allein diese Möglichkeiten, sondern es gibt auch die Möglichkeit, beide
aus einem alltäglichen und nüchternen Zustand herauszuheben und zu
verzaubern. Das entscheidende Moment, auf das sich die gewaltige
Ausdehnung der Verwendung des Lichtes für Ankündigungen gründet, ist
zweifellos nicht der Umstand, dass die Menschen in den Grossstädten
heute auch bei Nacht unterwegs sind, sondern der Umstand, dass die Fülle
des Lichtes die Ware und den Käufer in einen Zustand der Verzauberung
versetzt. Mit diesen beiden Leistungsansprüchen an das Licht, mit dem
Anspruche auf Sichtbarmachung und mit den Anspruch auf Verzauberung sind
die beiden Aufgaben erschöpft, die die Lichtreklame zu erfüllen hat.
Über die verschiedenen Arten, die Schrift leserlich zu machen und über
die verschiedenen Lichtqualitäten und ihre Tauglichkeit für die Reklame
brauche ich mich hier nicht auszulassen, da Sie in anderen Vorträgen
darüber hinreichend unterrichtet werden. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit
für einige andere, mehr architektonische Fragen, die mit dem räumlichen
Aufbau der Lichtreklame zusammenhängen, in Anspruch nehmen. [Gestrichen:
Hier wäre zunächst festzustellen, dass die Lichtreklame bis heute sich
fast ausschliesslich darauf beschränkte, ihre Ankündigungen oder auch
ihre Ware auf irgend eine Art durch Licht sichtbar zu machen (und das
Anleuchten von ganzen Häusern, wie es seit kurzem möglich ist, gehört
auch mit in dieses Kapitel) dass sie aber noch nicht dazu übergegangen
ist, selbständige Lichtgebilde aufzuführen, eine Art Lichtplastik zu
schaffen, die ihren selbständigen Wert hätte, der nicht unmittelbar mit
der Anpreisung einer bestimmten Ware zu tun hat. Hierüber habe ich
später noch einiges zu sagen. Im Augenblick möchte ich ausserdem noch
festhalten, dass auch die Ankündigungen selbst noch kaum angefangen
haben, das Haus, an dem sie im allgemeinen angebracht sind, anzugreifen
und es für die eigenen Zwecke nutzbar zu machen, sondern dass sie sich
damit begnügen, am Hause, und zwar an den meist alten Fassaden
angebracht zu werden.] [hs. ergänzt: Die Lichtreklame beschränkt sich
ziemlich allgemein darauf, ein Wort, ein Firmenzeichen oder dergl. zu
beleuchten oder leuchtend zu machen, sie bezieht selten einmal die
nähere, erst recht nicht die weitere Umgebung in die Behandlung mit ein,
zieht sie zur Wirkung mit heran. Noch seltener greift die Lichtreklame
die Gestalt des Hauses an, an dem sie angebracht ist, um es für die
eigenen u. besonderen Wirkungszwecke nutzbar zu machen. Sie begnügt sich
damit lediglich an irgend einem Hause, meistens an alten Fassaden
angebracht zu werden, so angebracht zu werden wie man einen Orden am
Rock ansteckte.]
Diese alten Fassaden sind [hs. ergänzt: nun durchaus] nicht dafür
gebaut; eine Verständigung zwischen ihnen und dem Reklamebedürfnis ist
nicht möglich. Das letztere erweist sich immer als zwingender und
stärker als die Achtung vor dem Kunstwert der Fassaden. Alte Fassaden in
diesem Betracht sind aber nicht nur die alten Mietshäuser und
Mietspaläste aus dem vorigen Jahrhundert, alte Fassaden sind auch
Wertheim und Tietz z. B. Wenn diese Firmen ihre grossen Verkaufsfeste
feiern, muss [hs. ergänzt: selbst] die edelste Architektur darunter
leiden. Weisse Wochen hält der beste Messel nicht aus. Schon die
Anbringung einer Lichtreklame auf dem Dach macht Sorgen. Diese Häuser
sind eben noch für keine Art von Reklame eingerichtet. Die Gegenwart
behandelt das Haus, die Hausfront wie eine Wandtafel, auf die jeder
Einzelne seine Ankündigungen hinschreibt wo er den Platz dazu findet.
Häuserfronten erscheinen heute wie riesige Plakattafeln, die durch
einige Fenster unterbrochen sind. Dieser Zustand ist unhaltbar, denn er
ist nicht konsequent. Viele werden sagen, er sei auch unkünstlerisch,
aber dieses scheint nebensächlich zu sein, denn das Entscheidende ist,
dass er einfach albern ist. Wir haben auch weiter noch festzustellen,
dass die grossen Leistungen unserer heutigen Beleuchtungstechnik es
zulassen, dass man die Schriftzeichen auch auf den Dächern der Häuser
anbringt, nicht nur, wie früher, nur im Erdgeschoss und bestenfalls im
ersten Stock. Ja, das Dach [gestrichen: ist] [hs. ergänzt: erweist sich
als] besonders geeignet, leuchtende Schriftzüge aufzunehmen, da sie von
hier aus sowohl auf grosse Fernen sichtbar werden, als auch sich gegen
den Nachthimmel besonders vorteilhaft abheben. Mit der Eroberung des
Daches durch das Licht wird aber der Fassadenkunst alten Stils vollends
das Lebenslicht ausgeblasen. Vom Sockel des Hauses aus nach oben, vom
Dach des Hauses aus nach unten, dringt die Reklame über die Frontfläche
vor, und, wenn sich noch Architektur an ihr halten kann, so ist es in
der Gegend des 3. und 4. Stockes. Aber von dieser Architektur wird
niemand behaupten können, dass es noch eine Architektur ist, und dass
sie Ansprüche auf Würdigung erheben kann. Sie ist lediglich eine Art
Baulücke in der Stadt der Reklame. Auch wird ja nie ein Bauherr auf die
Idee kommen, von seinem Architekten zu verlangen, dass er an seinem
Neubau im 4. oder 3. Stock Architektur anbringe, bis zum 3. Stock aber
und vom Dach aus, die Fassade für die Aufnahme von Reklame vorbereite.
Die modernen Architekten sind deshalb konsequent genug gewesen, den
ganzen Fassadenzauber aufzugeben. Sie betrachten die Front des Hauses
als ein Gerüst zur Unterbringung von Schriftzeichen, Leuchtreklame und
ähnlichen Dingen.
In dieser Etappe der Entwicklung, in der wir uns gegenwärtig befinden,
stellt die Fassade dem Architekten lediglich die Aufgabe, zwischen den
Schriftflächen und den Einfallöchern des Lichtes in das Innere des
Hauses, d. h. den Fenstern, ein angenehmes Verhältnis herzustellen.
Dabei kommt es allerdings vor, wie einige Neubauten am Kurfürstendamm
verraten, dass dieses Verhältnis sehr zu Ungunsten der Fenster ausfällt,
ein Ergebnis, das auch im Innern des Hauses eine reichliche Verwendung
des Lichtes, selbst während des Tages (allerdings weniger zu
Reklamezwecken) zur Folge hat. Aber die Bauherren zur besseren
Ausnutzung des Tageslichtes anzuhalten, ist ja nicht Sache dieser Tagung
der Beleuchtungstechniker. Die natürlichste Lösung, die hier
gewissermassen auf der Hand liegt, die durch die Struktur der Fronten
gegeben ist, ist die einer Aufteilung der Fronten in Schriftbänder und
Fensterbänder, - eine Frontbehandlung, die auch nachts ein durchaus
klares und konsequentes Bild ergiebt, indem sie durch die Beleuchtung
der Schriftbänder in eine andere Art von Bebänderung, von belichteten
Schrifttafeln und innenbelichteten oder dunkelen Fenstern sich aufteilt.
Diese Frontbehandlung haben in folgerichtigerweise Mendelsohn und
Luckhardt bei ihren Bauten durchgeführt. Das Neue, das sich auf diesem
Wege der Lichtreklame in die Frontbehandlung beinahe unbemerkt
eingeschlichen hat, ist, dass das Nachtbild oder das Lichtbild der Front
für den Architekten wichtig geworden ist, ja, wichtiger als das Tagbild,
und dass die Reklameforderungen die Struktur der Fassade überhaupt
festlegen. Es kommt dazu, dass auch der bauende Geschäftsmann inzwischen
begriffen hat, dass das Nachtbild für das Ansehen seines Hauses von
grösserer Wichtigkeit ist als das Tagbild. Und da jeder Geschäftsmann
das Aussehen seines Geschäftshauses nach dessen Werbewert für sein
Geschäft beurteilt, so ist auch der Geschäftsmann garnicht darüber im
Zweifel, dass er in vielen Fällen das Nachtbild dem Tagbild vorzuziehen
hat. Wir können aber ohne weiteres zugeben, dass diese Wirkung der
beleuchteten Beschriftungen auf die Frontgestaltung nicht nur dazu
geführt hat, nunmehr von einem Nachtbild der Front zu sprechen, sondern
dass es auch rückwirkend auf das Tagbild der Front einen heilsamen
Einfluss ausgeübt hat, insofern, als die Tatsache, dass das Haus von der
Lichtreklame aus vom Sockel bis zum Dach als ein einheitliches Gebiet
angesehen wird, auch für die Tagfassade mit der Aufteilung in
verschieden bewertete übereinandergeschichtete Stockwerke aufgeräumt
hat. Selbstverständlich bedeutet diese Verschiebung an den Fronten eine
ganz gewaltige Maßstabverschiebung, die sich an der Gestalt, an der
Physiognomie der Strassen und Plätze stark geltend macht. Während unsere
früheren Geschäftsstrassen ganz deutlich eine Schichtung aufweisen in
die unteren Ladengeschosse und in einen Rest, der kaum mehr als
architektonisch wahrgenommen wird, sondern lediglich als Hausmasse
existiert, stellt sich heute eine Front wie die neue Front von Telschow
[hs. ergänzt: am Potsdamer Platz in Berlin] eindringlich, vom Sockel bis
zum Dachabschluss als eine einzige Form dar.
Die Zweiteilung der Fronten, von der ich eben sprach, führte in Holland
dazu, eine ganze Strasse architektonisch auf dieser Teilung aufzubauen.
Ich kann Ihnen von dieser Strasse ein Tag- und ein Nachtbild zeigen,
ausserdem eine Einzelaufnahme. Beachten Sie, dass die Proportionierung
der Strasse sich vollkommen verschiebt, und dass über der unteren
Lichtzone keine Lichtreklame mehr erscheint. Das ist eine Einschränkung
aus architektonischen Gründen, die man nicht für ganz gerechtfertigt
halten kann.
Ausser dieser Auflösung der Fronten in Schrift- und Fensterbänder gibt
es aber auch noch einen anderen Weg, die ganze Front als solche zu
fassen, indem man sie kompositionell als Fläche, sowohl in horizontaler
als auch in vertikaler Richtung hin ausbaut, ohne irgend einer der
beiden Richtungen den Vorzug zu geben. Diese Möglichkeit liegt da vor,
wo an alten Häusern die Fenster noch nicht ein so grosses Ausmass
angenommen haben, dass sie als Bänder an den Fassaden dominierend
werden, sondern dass sie nur bescheidene, und wesentlich vertikal
wirkende Fensteröffnungen darstellen, die noch den Eindruck einer
zweidimensional wirkenden Front erhalten.
In dem Wachthof in der Luisenstrasse in Berlin, hat Arthur Korn diesen
Weg eingeschlagen und mit dieser Lösung gezeigt, nicht nur, dass sie
differenzierter und mannigfaltiger im Aufbau ist als die rein
horizontale Beleuchtung der Schriftbänder, sondern dass sie auch dazu
führt, die Fassade mit den verschiedenen Horizontal- und
Vertikalbeleuchtungen, mit Lichtschlitzen und Schattenteilen
kompositionell zu erfassen; das heisst, in der Tat nunmehr ein
Lichtgebilde mit selbständigen gestalterischen Absichten zu schaffen.
Mit dieser Behandlung, die natürlich nicht auf alte Fassaden beschränkt
zu werden braucht, sind gestalterische Möglichkeiten angeschnitten, die
dazu führen werden, eine Front als eine Lichtplastik aufzubauen, während
von der Horizontalbeleuchtung gesagt werden muss, dass in ihr noch der
alte Begriff der Front und der Fassade aufrechterhalten ist, dass die
Front noch als eine Fläche angesehen wird, und diese Fläche eben mit
Ankündigungen beschrieben wird. Ich werde später ein anderes Beispiel
von Korn zeigen, in dem er auf diesem Wege noch ein Stück weiter geht.
Ein Berliner Künstler, Nicolaus Braun stellt schon seit Jahren
Leuchtplastiken aus, die in ihren Prinzipien durchaus das sind, wovon
hier die Rede ist. Ich möchte deshalb nicht versäumen, Ihnen davon
einige Beispiele zu zeigen, damit Sie deutlich sehen, welche Wege hier
beschritten werden, um ein plastisches Lichtbild zu erreichen. In diesem
Lichtplastiken von Braun wird eine Tiefenwirkung des Raumes durch eine
einfache kulissenmässige Aufstellung und durch Verdecken der
Lichtquellen erreicht. Diese Lichtbilder enthalten nun zwar
grundsätzlich die 3. Dimension, aber sie sind noch durchaus auf die
Fläche bezogen. Sie enthalten die 3. Dimension im selben Sinne wie das
plastische Relief die 3. Dimension enthält. Sie kennen, wie das Relief
und das Guckkastentheater nur einen festen Standpunkt vor sich.
Ich kann Ihnen aber auch noch Arbeiten zeigen von einem anderen modernen
Künstler, Arbeiten von Gabo, der auch dieses Reliefprinzip noch
aufgegeben hat, der in der Tat räumlich denkt und Gebilde schafft, die
nicht nur im Sinne einer Rundplastik bestehen, sondern die selbst noch
die Gebundenheit einer Rundplastik aufheben und einen Standpunkt
zulassen, der in dem Werk selbst liegt, der also ein Arbeiten und
Gestalten im Raum vornimmt, wie es gerade praktisch bei der
Lichtgestaltung von Plätzen vorliegt, bei denen ja der Beobachter
inmitten des Objektes steht. Ich führe Ihnen die Arbeiten dieser beiden
Künstler vor, um Ihnen auf dem Gebiet der bildenden Künste in reiner
Form die verschiedenen Grade einer gestalterischen Bearbeitung des
Problems der Lichtgebilde im Raum zu zeigen, und füge noch hinzu, dass
mit diesen 3 Graden die Möglichkeiten der Lichtgestaltung im Raum
überhaupt erschöpft sind. Der anfänglichste Zustand, gewissermassen der
Ausgangspunkt und das Grundelement der Lichtreklame, ist die rein
flächenmässige Bearbeitung eines Schriftschildes. Der nächste und
entwickeltere Zustand der Leuchtgebilde ist ein Aufbau von Licht- und
Schattenflächen nicht nur in der Fläche, sondern auch nach einer
Tiefenwirkung hin, und als letzte Möglichkeit steht uns noch die
Entwicklung der Lichtgebilde nach allen Richtungen hin bevor: nach vorn
und rückwärts, nach oben und nach unten sich entfaltende Lichtgebilde,
in denen der Mensch sich selbst bewegt, und denen gegenüber er dauernd
seinen Standpunkt verändert, um dauernd neue Eindrücke zu erhalten.
Ein praktisches Beispiel des 2. Zustandes, das sich in gewisser Weise
auch schon dem 3. Zustand nähert, kann ich Ihnen noch zeigen. Es ist der
kleine Ladeneinbau der Firma Kopp & Joseph am Kurfürstendamm in Berlin,
den der berliner Architekt Korn vor kurzem fertiggestellt hat. Hier ist
zunächst überhaupt keine Hauswand mehr existent, mehr fassbar. Hier ist
ein Aufbau von leuchtenden und beleuchteten Gegenständen, von Flächen
und Körpern, der sich senkrecht zur Baufront entwickelt, der einerseits
in den Strassenraum hinausgreift, andererseits noch die hinterste Wand
des Ladenraumes in die Raumkomposition mit einbezieht. Die Instrumente
der Anpreisung, Worte und Zeichen, sitzen hier nicht lediglich da, wo
gerade Platz für sie ist, sondern da, wo sie an der Komposition des
ganzen Raumes beteiligt sind, sie sitzen sogar geradezu in den
Gelenkpunkten dieser Komposition.
Mit dieser kleinen aber überaus geistvollen Lösung ist alles
angeschnitten, was an Problemen für eine Leucht- oder Lichtarchitektur
infrage kommt, vor allen Dingen gibt sie bereits eines: sie demonstriert
die Entwicklung der Komposition nach allen Richtungen hin. Nach allen
Richtungen gilt für dieses Objekt für den Betrachter, der sich im Laden
selbst befindet. Für den Standpunkt von der Strasse aus ist bei der
geringen räumlichen Ausdehnung des Objektes selbstverständlich überhaupt
nur eine Teilentfaltung möglich. Es ist mir kein Beispiel einer
grösseren Architektur dieser Art bekannt, aber ich hoffe, dass Sie sich
bereits an diesem kleinen Objekt ein Bild davon machen können, was wir
zu erwarten haben wenn es einmal möglich sein wird, das Prinzip dieses
kleinen Ladenbaues auf ein grosses Geschäftshaus oder gar auf einen
Platz zu übertragen und durchzuführen. Die Reklameinstrumente selbst
sind in diesem Falle vollkommen nachgeordnet, die einzelnen
Schriftzeichen fügen sich dem ganzen kompostionellen Bau der Anlage ein,
und doch wirkt letzten Endes als die beste Reklame der Laden als
Gesamtes durch die grosse künstlerische Kraft, durch das gestalterische
Niveau und den Takt des organisatorischen Ordnens.
Ich sagte eben, dass uns noch eine grosse Entwicklung bevorstehe, wenn
erst das Prinzip dieses kleinen Ladenbaues auf grössere Objekte
übertragen werden könne. Die Durchführung dieses Prinzips würde nun eine
vollkommene Veränderung in der gesamten Auffassung des Hauskörpers
herbeiführen, die grundsätzlich architektonischer Art ist, eine
Veränderung, die bereits von einer ganz anderen Seite her von einigen
modernen Architekten angestrebt wird. Ich glaube sagen zu können, dass
an der Vorbereitung für diese Veränderung nicht wenig die gewaltige
Entwicklung des künstlichen Lichtes teil hat. Ich möchte versuchen,
Ihnen gerade diese gestalterischen Veränderungen, die hier eine
entscheidende Umwälzung hervorbringen können, etwas deutlicher zu
machen. Das gegenwärtige Haus in unserer Landschaft, den Begriff Haus
wesentlich bestimmend, ist ein kastenmässiger Körper, dessen Aussenwände
eine feste substanzielle Schale zwischen dem Inneren des Hauses und der
Aussenwelt bilden. Das Haus ist bis heute eine gemauerte Kiste, in die
Löcher hineingeschnitten sind, damit Licht in das Innere der Kiste
komme. Ein moderner Architekt hat unsere bisherigen Häuser sehr treffend
"Sachsärge" genannt. Sie wissen, dass gegen diese Auffassung des Hauses
die moderne Bewegung in der Baukunst einen Angriff unternommen hat. Sie
unternimmt es, den Kastenbegriff des Hauses zu zerstören, um ein neues
licht- und luftdurchflutetes Gebilde für den heutigen Menschen zu
schaffen. Der Baukörper kennt ausserdem keine substanziell wirkende
Abgrenzung nach aussen hin mehr, sondern ist lediglich ein Zellensystem,
das sich gewissermassen aus dem Weltraum heraustrennt, ohne sich deshalb
gegen den Raum abzuschließen. Der kubische Kastenkörper ist aufgerissen,
der Aussenraum geht bis in die Tiefe des Hauses, und aus dem Inneren des
Hauses langt man wiederum direkt in den freien Raum.
Die Massivität des Hauses ist aufgehoben, man spricht selbst von einem
"schwebenden Haus". Ein solches Haus ist nicht zu errichten ohne Glas.
Es ist auch nicht zu errichten ohne Eisen und ohne Zement. Es ist nicht
zu errichten ohne Metalle. Diese neue Baukunst ist vor allen Dingen eine
Glasarchitektur, und diese Glasarchitektur ist auf dem Marsch.
Glaspaläste gab es schon vor beinahe 100 Jahren. Es ist interessant
daran zu denken, dass damals bereits, zu der Zeit, zu der wir eben
gelernt hatten, Eisenkonstruktionen grösseren Umfanges zu machen, dass
zu jener Zeit bereits Architekten und Ingenieure jenes grosse Ziel einer
neuen Glasarchitektur aufstellten, dieses aber damals nur an grossen
Hallen verwirklichen konnten. Es war leichter möglich, bei den Hallen
diesen Begriff vom Haus durchzuführen, da den Hallen gegenüber der alte
Kastenbegriff nicht so zwingend war. Aber beim übrigen, in der
Geschichte stärker verwurzelten Hausbau, insbesondere beim Wohnhausbau,
hat sich der Kastenbegriff bis heute aufrechterhalten, und es scheint
erst jetzt zu gelingen, auch den Hausbau von der Eisenkonstruktion und
der Glasarchitektur aus anzugreifen. Vielleicht, dass dazu die ganz
allgemeine Begeisterung für Licht und Luft nötig war, die wir in unserem
Jahrhundert erleben. Licht, Glas und Metall gehören zusammen, und zu
ihnen gehören noch eine ganze Reihe jener neuen Erzeugnisse, die uns die
heutige Technik schenkt. Ich erinnere auch noch an das Glashaus von
Bruno Taut und an das Fabrikgebäude von Gropius, das 1914 auf der
Werkbundausstellung in Köln zu sehen war.
Vor einigen Jahren hat Taut sich selbst ein Haus gebaut, bei dem
vielleicht das Neueste ist, dass das Nachtbild dieses Wohnhauses, das
ich Ihnen zeigen kann, nicht nur vom Architekten angestrebt wurde,
sondern den nachhaltigsten Ausdruck dieses Hauses ausmacht.
Im letzten Jahre wurde in Stuttgart von Döcker das Lichthaus LUTZ
gebaut, dessen Aussenwand vollkommen aus Glas ist, und im Haag ist z.
Zt. ein grosses Eckhaus im Bau, das Haus de Volharding, dessen
Aussenwände ebenfalls vollkommen aus Glas sind. Das Haus LUTZ ist ein
Geschäftshaus für eine beleuchtungstechnische Firma, und besonders
dadurch interessant, dass das Haus noch bekrönt wird von einem grossen
leuchtenden Stern, der in dem Nachtbild Stuttgarts, das ja besonders
anziehend ist, da es durch die angrenzenden Hügel vielfältig genossen
werden kann, von ausserordentlicher Bedeutung und Wirkung ist. Sonst
muss ich aber bei dem Haus Lutz und bei dem Haus de Volharding darauf
aufmerksam machen, dass für beide die Verwendung des Glases den
Kastenbegriff selbst noch keineswegs aufhebt, sondern dass das Glas, das
in diesem Falle opakes Glas ist, das Substanzielle der alten Hauswand
durchaus noch erhält, auch rein architektonisch gestalterisch in der
Entwicklung des Räumlichen keineswegs den Kastenbegriff aufhebt.
Immerhin stehen auch diese Häuser einen Schritt näher zur Aufhebung der
Massivität, einen Schritt näher der Befreiung des Hauses von der Masse
Stein.
Es ist sicher nur eine Frage der nächsten Jahre, dass wir mit der
Glasarchitektur im Sinne des Ladens Kopp & Joseph einen Schritt
weiterkommen.
Ich habe von der Glasarchitektur etwas eingehender gesprochen, weil ich
der Ueberzeugung bin, dass eine künstlerische Entwicklung der
Lichtreklame im grossen Stil, gewissermassen zu einer höhren Stufe, sich
nicht vollziehen kann, ohne die gleichzeitige Entwicklung einer
Glasarchitektur, und weil ich der Meinung bin, dass beide sich
gegenseitig bedingen und fördern. Die Lichtreklame mietet heute
Platzwände und Dachfirste, wie man für Anzeigen Plätze und Spalten in
Tageszeitungen mietet, Eine solche vermietete Annoncenplatzwand mit
Leuchttexten kann gut oder schlecht werden; die Platzwand ist für sie
dasselbe, was das Zeitungspapier für die Annonce ist, Untergrund für den
Druck, - nur nicht so glatt wie Zeitungspapier, aber das bessert sich
auch schon.
Stellen wir uns hingegen vor, dass eine Platzanlage oder eine
Strassenwand in ihrer ganzen räumlichen Erscheinung planmässig und als
Platz oder Strassengebilde auf eine grosse Lichtkomposition hin angelegt
werde, in die sich die einzelnen Leuchtschriften, Wanderschriften usw.
einordnen, so wird deutlich, dass die Lichtreklame, bezogen auf das
Stadtbild, zu grösseren Gesamtwirkungen gebracht werden kann und muss,
indem sie in räumliche Lichtkompositionen grössten Ausmasses einbezogen
wird. Schon die bescheidenen Anfänge, die mit den Glashäusern gemacht
sind, die ich Ihnen zeigen konnte, geben einen kleinen Begriff von dem
hier Möglichen.
[hs. ergänzt: Besser aber noch als diese Glashäuser zeigen Ihnen ja die
Festbeleuchtungen u. Lichtfeste, die Sie mit Recht nun etwas ernsthafter
anfassen, was mit Lichtkompositionen gemeint ist. Hier erscheinen in der
Tat bereits Gestaltungen, die durchaus augenhafte Werke beabsichtigen u.
die außerdem Zusammenhänge suchen u. auch geben, die kompositorischer
Natur sind. Wenn ich zu diesen Festbeleuchtungen noch etwas sagen darf,
so ist es das, daß auch diese, wie die Lichtreklame, noch zu sehr in
Abhängigkeit von den Häusern sich fühlen, daß sie noch ein
Anlehnungsbedürfnis an gegebene Architekturen erwarten, noch viel von
Illumination an sich haben. Ich zweifle nicht, daß es Ihnen gelingen
wird, sie von diesen Hemmungen noch zu befreien u. ein rein augenhaftes
Schauspiel mit den reichen Mitteln des Lichts zu entfalten. Wenn Sie
wollen.]
Auf diese Weise würden wir natürlich von der amerikanischen Behandlung
der Lichtreklame und von ihrer Haltung im Stadtbild noch weiter
abkommen. Aber dieser so entstehende Abstand würde nicht beruhen auf den
geringeren Geldmitteln, die uns zur Verfügung stehen, sondern darin,
dass wir dem individualistischen Rasen des amerikanischen
Reklamebedürfnisses, dem Lichtschiessen seiner Scheinwerferbatterien,
wie Mendelsohn das nannte, das andere Prinzip und Ziel entgegensetzen,
die Reklame durch ein grösseres Gerüst zusammenzuhalten und sie so zu
einer noch gewaltigeren Wirkung bringen.
Schliesslich sei nicht vergessen, zu sagen, dass das phantastische Bild,
das die Lichtfülle einer nächtlichen Reklamestadt bietet, einen
wesentlichen Bestandteil des Ansehens unserer Großstädte bildet. Ja, man
ist versucht, zu sagen, die Intensität einer Weltstadt kann gemessen
werden an der Intensität ihres nächtlichen Lichtbildes. Wo nachts keine
Lichter brennen, ist finstere Provinz.
1928, Typoskript m. hs. Bem. v. fr.H: "Vortrag gehalten auf der 16.
Jahresversammlung der Deutschen Beleuchtungstechnischen Gesellschaft in
Karlsruhe i. B. am 22. Juni 1928", HHA-01-607 |