Probleme der Stilbildung I
Vor zehn Jahren erschien ein Buch "Der Stil im Wandel der Jahrhunderte"
von Robert West (Verlag Kurt Wolff A.-G., Berlin), das nach dem Vorwort
des Verfassers die gesamte Stilentwicklung darzustellen unternimmt als
die Wirkung eines ständigen Kultur- und Rassekampfes. "Ich sah und sehe
auch heute noch in jeder Veränderung des Geschmacks und jeder Wandlung
des Formtriebs das Symptom eines Kulturkampfes, der wiederum die
Äußerung eines meist in den Tiefen völkischen Unterbewußtseins sich
abspielenden Rassenkampfes ist."
(Da das Buch bei seinem ersten Erscheinen vor einem Jahrzehnt offenbar
keine besondere Wirkung hatte, bringt der Verlag soeben eine neue
Auflage heraus.)
In dieser Stilgeschichte versucht ihr Verfasser, die kulturelle
Entwicklung des Abendlandes aus der Wechselwirkung von vier
Kulturmächten, von Latinismus, Byzantinismus, Germanismus und Semitismus,
herzuleiten und in dem Kampf dieser vier aus rassischen Bindungen
stammenden Kulturwillen die Ursache des ganzen Stilwandels aufzudecken.
Damit fügt West zu den vielen Versuchen der Kunstgeschichte, für den
Wandel der Stile eine Erklärung zu geben, einen neuen hinzu. West sagt:
"Von dem dorischen Stamm erhielt Hellas seine erste große Kunstform in
der Anlage des dorischen Tempels. Dieser erste große Wurf der
hellenischen Kunst hat ihrer ganzen Stilentwicklung die Wege gewiesen.
Er war die Schöpfung eines künstlerisch hochbegabten, durch eiserne
Selbstzucht zur schärfsten Logik des Denkens wie zu unerbittlich
konsequentem Tun geschulten Volkes. Er verkörpert das Ideal des
spartanisch-griechischen Geistes: Disziplinierung aller Teile im Dienst
des Ganzen. Er entwickelt die Kulturforderung der Rasse: Mäßigkeit und
Kraft." Das ist alles durchaus richtig, aber was wir wissen wollen, ist:
Wie kamen die Dorer zu dem Tempel, mit dem die ganze abendländische
Kultur noch bis auf den heutigen Tag zusammenhängt? Auch andere Rassen
fordern Mäßigkeit und Kraft, auch andere Völker waren künstlerisch
hochbegabt, auch andere Stämme sind durch eiserne Selbstzucht zu
unerbittlich konsequentem Tun geschult, warum geben sie uns keinen
Tempel? (Im übrigen, was wissen wir von der psychischen Beschaffenheit
einer Rasse anderes, als was wir aus ihren Werken und ihrem Tun
schließen können? Dieselbe Rasse hat späterhin auch anders gebaut. Steht
es in unserem Belieben, von den frühen oder von den späten Werken aus
auf die Beschaffenheit der Rasse zu schließen, oder ist die Rasse selbst
einem Wandel unterworfen?)
Hier wird geschichtliches Geschehen hingenommen ohne den Versuch einer
Betrachtung tieferer Zusammenhänge und Bindungen, ohne Hinweis auf die
tieferen Wesenheiten der Kulturindividuen, woraus uns doch allein ein
Aufschluß über das gesetzhafte Geschehen in dem ganzen Kulturwerden
kommen kann.
Die Eigengesetzlichkeit der Form.
Allen Versuchen der Kunstwissenschaftler, und so auch diesem, gemeinsam
ist die Voraussetzung und Unterstellung, daß der Mensch es ist, der die
Formkulturen schafft, und daß auch der Mensch es ist, der sie wechselt
und verändert aus dem Zwang heraus, sie den immer neu sich ergebenden
Situationen, Forderungen und inneren und äußeren Bedürfnissen
anzupassen. Dem schaffenden Architekten ist diese Unterstellung jedoch
keineswegs selbstverständlich, vielmehr erscheint ihm die Form selbst,
um die sich dieses ganze Geschehen von Anfang bis Ende dreht, als eine
selbständige Wesenheit von einer eigenen inneren Gesetzhaftigkeit, die
alle diese Kämpfe erst hervorrief und noch hervorruft. Der Schlüssel zu
dem Geheimnis der ganzen Formkulturen und Kulturorganismen, zu dem
Geheimnis ihres Lebens und Schicksals, kann deshalb nur in der Form
selbst gesucht werden und nicht bei den Menschen. Die Form selbst steht
als einzige Ursache und als einziges Streitobjekt im Mittelpunkt des
ganzen Kulturgeschehens und Kulturwerdens. Das Phänomen der Form selbst
hat die ganze Problematik der Kulturen erst eröffnet, von der ein Teil
sich in dem Wandel der Stile vor uns abrollt. Die Entwicklung einer Form
kann nur unter der Eigengesetzlichkeit dieser Form selbst vor sich
gehen. Nichts kann aus der Form entwickelt werden, also auch nichts in
ihr einem Wandel unterliegen, was nicht bereits im Keime in ihr steckt.
Die Menschen haben an dieser Entwicklung einen Anteil, gewiß - und die
vielerlei Menschen und Menschengruppen mit ihren verschiedenen geistigen
Fähigkeiten und psychischen Beschaffenheiten, mit verschiedenen
Schicksalen und in verschiedenen Landschaften haben einen sehr
verschiedenen Anteil an ihr -, aber dieser Anteil ist nur von der Art
des Anteils, den ein Gärtner an der Gestalt einer Pflanze hat, die er in
seine Pflege und züchterische Obhut übernimmt. Auch der Gärtner kann aus
der Pflanze nicht züchten, was nicht in ihr liegt und was nicht der
Eigengesetzlichkeit ihres Wesens entspricht - er kann aus einer Eichel
keine Tanne züchten -, doch ist er nie der Schöpfer des Pflanzenwesens,
und wenn er eine Pflanze züchtet, so geschieht es zu seinem materiellen
oder auch immateriellen Gebrauch.
Die Menschen brauchen Formen, und sie brauchen sie ebenfalls zu einem
materiellen oder einem immateriellen Zweck. Sie brauchen Formen zu ihrem
seelischen und geistigen Aufbau und zu dem Kampfe um ihre leibliche
Existenz. Sie leben durch Formen, ihr Leben kann sich nur in Formen
vollziehen. Die Welt der Formen ist für die Menschen kein Luxus, sie
dient nicht ihrem Vergnügen, sie entspringt nicht einem Spieltrieb:
einfache Lebensnot, Seelennot, Erkenntnisnot fordert die Welt der
Formen. Aber diese Formen sind nicht unsere Geschöpfe, sie leben auch
ohne uns in der Natur. Sie leben nach ihren eigenen Gesetzen, über die
wir keinerlei Macht haben. Wenn wir die Formen, die wir brauchen, aus
der Natur herausnehmen wollen und wenn wir sie weiterzüchten wollen, so
kann das nur in den Grenzen der Gesetze dieser Formen selbst geschehen.
Man kann versucht sein zu fragen: Welche Formen brauchen die Menschen,
welche Formen brauchen sie zu ihrer seelischen und geistigen Ernährung?
Nun, eben dies ist der Antrieb der Menschen zur Züchtung der Formen, daß
sie diejenigen Formen fänden, die eine vollkommene geistige und
seelische Ernährung versprechen, die ihren Lebenstrieb sättigen und sie
in Harmonie setzen mit der Natur, mit Gott und mit sich selbst. Und da
die Menschen nur durch die Formen leben, suchen sie also in den Formen
nur sich selbst.
Es kennzeichnet einige Kulturen das mehr oder weniger häufige Vorkommen
bestimmter geometrischer Grundfiguren. Es kennzeichnet etwa die
ägyptische Kultur das Vorkommen der Pyramide, es kennzeichnet die
griechische Kultur das Rechteck und das Fehlen von Kreis, Bogen und
Kuppel, welche Figuren hinwiederum die römische Kultur kennzeichnen, es
kennzeichnet das Barock das Vorkommen der Ellipse usw. Es genügt jedoch
nicht, daß wir nur die Feststellung machen, welche Figuren vorkommen und
welche Figuren nicht vorkommen, denn es ist sofort klar, wenn wir nur
diesen einfachen Sachbestand ansehen, daß es nicht äußere Gründe oder
nur Zufälligkeiten sind, welche Figuren vorkommen und welche Figuren
nicht vorkommen, sondern daß dies mit dem Wesen der ganzen Kultur
zutiefst zu tun hat. Man kann auch die Tatsache, daß etwa die Kuppel bei
den Ägyptern und bei den Griechen nicht vorkommt, nicht damit erklären,
daß diese Völker diese Formen technisch noch nicht bewältigten, denn
diese Völker kannten ja die Kuppel, wenn schon nicht in einer
entwickelten Konstruktion; aber hätten diese Völker, die in Geometrie
und in Mathematik und in allen technischen Dingen so Unerhörtes
leisteten, nicht auch die doch sehr einfache Kuppelkonstruktion
vervollkommnen können, wenn sie die Kuppel gebraucht hätten? Wer wollte
ihnen das nicht zutrauen? Der wirkliche Grund dafür, daß Bogen und
Kuppel bei den Ägyptern und den Griechen nicht vorkommen, ist anderswo
zu suchen. Er ist darin zu erkennen, daß diese Kulturen die Kuppel
ablehnten, weil sie die Wesenheit der Kuppel ablehnten. Sie lehnten die
Wesenheit der Kuppel ab, weil diese sich nicht mit den Wesenheiten von
Dreieck, Quadrat und Rechteck vertrug, die in der ägyptischen bzw.
griechischen Kulturbildung im Sinne einer konstitutiven Macht wirkten.
(Wohl bestehen späterhin in den Kulturen neben Kreis, Bogen und Kuppel
auch Rechteck, Quadrat und Dreieck, aber sie bestehen dann nicht mehr in
der Rolle eines konstitutiven Prinzips.) Dreieck, Quadrat, Rechteck,
Kreis, Kuppel usw. sind selbständige Formwesen und können als Formwesen
in der Eigengesetzlichkeit ihrer Wesenheit die Wesenheit eines ganzen
Kulturindividuums bestimmen. Nach dieser Bedeutung müssen wir die
Formwesen in den einzeln Kulturindividuen erkennen.
Nachdem die Griechen in der Wesenheit des Rechtecks das ihnen gemäße
konstitutive Prinzip einmal erkannt hatten, war es unmöglich, noch der
Wesenheit Kuppel Gehör zu schenken.
Zwischen dem Rechteck und der griechischen Kultur bestehen tiefe
Zusammenhänge und Entsprechungen. Alles, was wir in der physiognomischen
Betrachtung, in der Ausdeutung und Erschließung dieser geometrischen
Figur erkennen können, finden wir als Wesen, als Inhalt, alsProblem, als
Gebundenheit in allen Gestaltbildungen der griechischen Kultur wieder.
Dem Quadrat der Ägypter gegenüber unterscheidet sich das Rechteck zwar
nur durch die verschiedene Länge seiner Seiten, aber was bedeutet dies?
Es bedeutet, daß das Verhältnis dieser beiden Seiten zueinander zu
ermitteln ist, daß ein Maß zu setzen ist, daß eine Proportion zu suchen
ist, daß Maßgesetze zu schaffen sind. Es ist die Leidenschaft der
Griechen geworden, Proportionen zu suchen, Maße festzulegen, Gesetze zu
schaffen, gemessene Begriffe überall herzustellen auf allen Gebieten des
Geistes und der Seele. Auf welcher Basis geschah solche Maßfestsetzung?
Sie konnte nur geschehen auf der Basis der Gesetzhaftigkeit des
Rechtecks, also auf der Basis geometrischer Gesetzhaftigkeit, denn es
gibt für die zwei Seiten eines Rechtecks keine anderen Beziehungen als
geometrische. Man kann auch festsetzen im Interesse einer Wirkung, aber
zu welch anderer Wirkung kann das Maß zweier Seiten einer Rechteckfigur
gebracht werden als zu einer ästhetischen Wirkung, und was kann diese
ästhetische Wirkung anderes sein als eine in der Gesetzhaftigkeit der
Geometrie enthaltene Maßfestsetzung? Das Rechteck ist der Vater des
Kanon.
Fast die ganze griechische Literatur befaßt sich mit Geometrie, mit
Mathematik, mit Maßerforschungen, mit Begriffsbildungen und mit
Gesetzermittlungen. Das Ziel aller dieser Maßbestimmungen ist die
Meßbarkeit der Dinge, die rein rationale Meßbarkeit des Körperlichen und
die Ermittlung alles Meßbaren im Körperlichen. Auch das Gotthafte wird
dem nicht entzogen. Das Ergebnis ist u.a. die euklidische Geometrie und
der Begriff der exakten Wissenschaft.
Und was ist der griechische Tempelbau anderes als die Maßbestimmung
seiner Quaderseiten und die augenhafte, körperlich erkennbare und
greifbare Darstellung dieser Gesetzhaftigkeit in den Maßbeziehungen und
in der konstitutiven Wirkung auf die ganze Bauerscheinung?
Das ist die Substanz des griechischen Tempels und des griechischen
Stils. Ob er sonst dorisch ist oder jonisch, ist ganz Nebensache, so wie
es ganz Nebensache ist für die Substanz Pferd, ob es ein Ackerpferd oder
ein Rennpferd ist, wenn nur erst das Pferd selbst da ist. Das Phänomen,
das uns interessiert, heißt Pferd, heißt griechischer Tempel,
griechischer Stil.
Dem Quadrat gegenüber enthält das Rechteck bereits einige Elemente der
Bewegung und eben auch in der Gestalt der Proportion. In den Grenzen der
geometrischen Proportion läßt es gemessener Bewegung Raum. Die Plastik
kann die Starrheit ihrer Bindung im ägyptischen Quadrat endgültig
ablegen, sie lernt zu atmen, und sie lernt auch bald rhythmisch zu
atmen. Das Statische bleibt noch gesichert genug. In diesen Grenzen
bewegt sich die griechische Bildnerei. Bestimmt von außen her durch die
Maßgesetze der körperlichen Erscheinung, damit auch dem Verhältnis Geist
- Psyche feste Grenzen ziehend.
Auch die politische Form der Griechen entwächst dieser Wesenheit des
Rechtecks. Punktische Demokratie - ohne jede expansive Tendenz - in dem
Gesetz ihres Umrisses sicher ruhend, aber auch sich erschöpfend, gebiert
sie den Stadtstaat und den Bürger. Kein Moment des Rechtecks läßt
Kastenbildung oder Schichtenbildung zu, kein Moment läßt individuelle
Machtbildung und Machtstellung zu. So wirkt Wesenheit des Rechtecks im
Politischen unzulängliche Struktur, im Geistigen hingegen Überlegenheit.
So wirkt das Rechteck als konstitutives Prinzip Schicksal für ein
Kulturindividuum und für die Griechen.
Hier ist die Wurzel der Einheit einer Kultur. Damit ist aber auch
zugleich einer Kultur zeitlich eine Grenze gesetzt, das ist die Zeit
ihrer Erschließung. Nach der Erschließung des Rechtecks erlischt auch
seine kulturschöpferische Bedeutung. Die griechische Kultur fand ihr
Ende nicht dadurch, daß die schöpferische Kraft der Griechen nachließ,
oder daß ihre Tugenden nachließen, oder aus irgendwelchen anderen
Gründen, die man heute so gerne für das Nachlassen der
kulturschöpferischen Kräfte verantwortlich macht, sondern lediglich
dadurch, daß die Erschließung des Rechtecks abgeschlossen war. Die
Eigenzeit dieses Formwesens in seiner konstitutiven Machtentfaltung war
abgelaufen.
Andere Völker erst erschlossen Kreis, Bogen und Kuppel und empfingen die
Wesenheit ihrer Kulturen, das innere Gesetz, aus der Wesenheit dieser
Formen.
Die Erschließung von Kreis, Bogen und Kuppel ist ein ungleich
vielfältigerer Vorgang als die Erschließung des Rechtecks, denn diese
Formwesen wirken in verschiedenen Ebenen. Auch ihre Erschließung geschah
in verschiedenen Ebenen: in einer Ebene des Rationalen und in einer
Ebene des Irrationalen. Das Rechteck enthielt keinerlei irrationale
Elemente, Kreis und Kuppel um so entscheidendere. An diesen irrationalen
Inhalten der Kuppel erwachen Völkerschaften Kleinasiens zu einer
magischen Kultur. Der Boden solcher Kultur kann nicht durch den Geist
aufbereitet werden, er bedarf einer psychischen Durchtränkung. Einer
solchen geht Rom aus dem Weg. Er hält sich an den rationalen Gehalt des
Kreiswesens. Das gibt einem Punkte höchste Macht. Alle Energien
konzentrieren sich auf ihn und gehen auch wieder von ihm aus. Eine noch
größere Anhäufung von Macht als in der Spitze der Pyramide, doch ohne
Gotthaftes und ohne jede Möglichkeit der Entladung in das Jenseitige.
Diese Macht muß sich immer wieder in denselben Raum entladen, aus dem
sie stammt. Sie ist ihre eigene Gefangene. Cäsarenwahnsinn ist der
mißglückte Versuch, ins Gotthafte zu entfliehen. Es gibt kein Entweichen
aus dem Mittelpunkt. Wirkte das Rechteck politisch Unzulängliches, so
wirkt das Kreiswesen Form höchster politischer Energieentfaltung in
höchster zentralistischer und expansiver Tendenz, zeugt es das Imperium,
den Begriff höchster Staatsmacht und Machtbildung. Doch wirkt es im
Geistigen ohne Fruchtbarkeit, weil ohne Maßproblem und ohne
Proportionsproblem. Rom adoptiert die griechische Rechteckkultur. Und
soweit Irrationales überhaupt möglich ist in dieser Ebene Roms, konnte
es nur in der Kuppel erlebt werden. Aber Rom zersetzt die peripherische
Bindung der magischen Kuppel durch das Übergewicht des Mittelpunktes,
ersetzt das byzantinische Kuppelgewölbe in Goldmosaik durch eine
Kassettendecke. Und wird zum Mittelpunkt der erdhaften Welt. Rechteck,
Kreis, Kuppel, das ist Griechenland, Rom, Byzanz.
Einige Jahrhunderte, noch ein Jahrtausend später, wiederholen sich diese
Konflikte noch einmal in derselben Landschaft in einer unpolitischen
Machtbildung. Lange wird in Rom eine zu Gott gewendete Erhebung
abgelenkt durch die politische Tendenz der Kuppelfigur, abgelenkt durch
die irdische Macht der römischen Kuppel. Noch wohnt der Stellvertreter
Gottes auf Erden unter einer Kuppel. Sie ist allerdings weder eine
magische Kuppel, noch eine römische Kuppel; sie ist eine Kuppel ohne
Mittelpunkt, ihr Mittelpunkt ist in eine Bewegung nach oben übergeführt
worden. Michelangelo befreite sie aus ihrer Bindung im Irdischen, machte
ihr den Weg ins Mystische frei.
Das Phänomen der ägyptischen Kultur heißt Pyramide. Gestalt gebildet aus
Dreieck und Quadrat (die 4, die Zahl der Offenbarung Gottes in der
sichtbaren Welt). Das Quadrat, zugleich in kosmischer Gesetzhaftigkeit
und im Rationalen herrschend; das Dreieck wesenhaft dem Esoterischen
verbunden. Beide als Symbol noch gerettet aus verströmender magischer
Wirklichkeit: eine ältere Pharaonenkultur verebbt in der Pyramide, so
wirkt sie noch als Symbol, doch wesentlich auch schon als Begriff. Im
Quadrat und Kubus wird schon das Rationale mächtig, beginnt es, den
gotthaften Gehalt dieser Formwesen zu verdrängen. Noch ist aber die
Pyramide Gleichnis der ägyptischen Kultur und vollkommene Entsprechung
ihrer ganzen Wesenheit. Seltene, vielleicht einzig mögliche Verbindung
in der Pyramide von zwei Formwesen zu einer Einheit, Verbindung eines
übermächtigen Jenseits und einer irdischen Machtentfaltung bis zu
vollkommenster entmenschender Unterwerfung. Auf quadratisch begrenzten,
immer kleiner werdenden horizontalen Schichten steigt die Figur auf zu
höchster Sublimierung in der Spitze, die zugleich Spitze ist aller die
Figur einschließenden Dreiecke, Schnittpunkt aller aufsteigenden
Grenzlinien und noch Spitze einer zweiten Pyramide, die diese
Pyramidenlinien in den Raum zeichnen und deren Basis im Himmel liegt. So
sammeln sich in einem Punkte - und nur in diesem - alle Energien und
Wesenheiten zweier Formen in vollkommener Identität mit der
priesterlichen und weltlichen Stellung des Pharaos in der Struktur der
ägyptischen Reiche. In dieser Spitze ist die Stellung zu Gott und zu den
Menschen restlos, unantastbar, in unumstößlicher Klarheit und
Eindeutigkeit und ohne Konflikt gelöst.
So aus bestimmter Beschaffenheit wesend, wirken die einzelnen Formen und
Figuren in ihrer Eigengesetzlichkeit als konstitutive Prinzipien in den
Kulturindividuen. Sie bestimmen das Besondere einer Kulturentfaltung und
unterwerfen ihre Entwicklung den Gesetzen aller Organismen der Natur.
Aus ihnen stammt die innere Einheit aller Lebensäußerungen dieses
Individuums, aber auch die Vielheit seiner Erscheinungen; aus ihnen
stammt der Gehalt an Gotthaftem und an Erdhaftem, aus ihnen stammen aber
auch alle Konflikte und Unzulänglichkeiten und das Ausgeschlossensein
von anderer Gestalt und anderer Wesenheit. Es entstammt alle innere
Einheit und Zugehörigkeit in den Kulturen, die Einheit in Religion und
Wissenschaft, in Architektur und bildenden Künsten, in
Gesellschaftsformen und Rechtsbegriffen aus dieser Einheit in einem
konstitutiven Prinzip, das einem Formwesen entstammt.
Durch ein Formwesen ist ein Stil gegeben. Ein Formwesen wirkt in seiner
Eigengesetzlichkeit als konstitutives Prinzip einer Stilbildung. Jeder
Stil ist gekennzeichnet durch ein solches Formwesen. Man kann in
Analogie zu naturwissenschaftlichen Methoden sagen, daß man zu einer
Form die dazugehörige Kultur, den dazugehörigen Stil feststellen und
ermitteln kann. (Der Mensch gerät in immer größere Distanz zu dem
Geschehen der Stilbildung. Er ist nur ein Gegenspieler und Werkzeug der
Kulturorganismen; doch vor allem ist er ihr Nutznießer.)
Rechts oben einige Reihen von Formwesen, einige Formgeschlechter. Jedes
dieser Formwesen ist kennzeichnend für eine Stilbildung, für eine
Kulturbildung oder für eine Phase einer solchen. Jede einzelne dieser
Figuren aus dieser Geschlechterreihe erschließt ein Stilstadium, jede
einzelne Figur stellt die Phase einer Entwicklung dar, von der Mastaba
und den Stufenpyramiden bis zu der letzten Gestalt der Rechteckswesen,
dem konstitutiven Prinzip eines unter uns lebenden deutschen
Architekten.
Von außen nach innen und von innen nach außen.
Der Kubus setzte als konstitutives Prinzip eine flächenhafte Aufspaltung
des Körpers und also ein Begreifen aller körperlicher Erscheinungen in
der Dreidimensionalität seiner eigenen Gestalt. (Gleichgültig, in
welcher Bedeutung Quadrat und Kubus sonst noch begriffen werden.) Von
Babylon und Ägypten bis zu Michelangelo und Adolf von Hildebrand gilt
die berühmte Forderung, daß eine Plastik aus dem Block erstehen muß in
dem Maße, in dem dieser Block aus dem langsam abfließenden Wasser
heraustaucht, in dem man ihn sich liegend vorzustellen hat. Es steht
einer Bewegung, die von außen nach innen vorschreitet, eine andere
Bewegung entgegen, die von innen nach außen drängt, die nach einem
bildhaften Ausdruck einer inneren Ergriffenheit strebt, während die
Gegenbewegung nur zum Ziele hat, das Körperhafte der Erscheinung mit der
Eigengesetzlichkeit der Würfelgestalt zu durchdringen und zu
durchtränken. Dieser letztere Vorgang verschafft der neuen Erscheinung
eine von einer geistigen Idee ausgehende Ordnung im Körperlichen; die
von innen nach außen vorschreitende Ordnungsschaffung hingegen geschieht
um eines Ausdrucks einer inneren Ergriffenheit willen. Beide Absichten
wirken gegeneinander.
Wir sahen in dieser Ordnungsschaffung in der körperhaften Erscheinung
nach der Dreidimensionalität der Kubusflächen das Grundprinzip alles
architektonischen Gestaltens - mit ihr war die Idee der Architektur erst
gegeben. Im weiteren soll dieses Prinzip deshalb nur das
architektonische oder auch geometrische genannt werden, das im Gegensatz
zu ihm wirkende, das von innen nach außen sich entfaltende, aber als
organhafte Gestaltschaffung erkannt werden. Organhaft, weil diese
Gestaltschaffung aller organhaften Natur entspricht, weil sie eine Form
als Organ will. Dies aber will auch alles bauende Gestalten, das eine
Form um einer Leistungserfüllung willen schafft, und alles bildnerische
Gestalten, das eine Form um eines Ausdrucks willen sucht. Architektur
und Bauen sind innere Gegensätze, weil sie eine Form aus sich
gegengerichteten Gründen wollen, ebenso sind Architektur und
bildnerisches Gestalten Gegensätze und aus denselben Gründen. Bauen und
bildnerisches Gestalten aber bewegen sich in derselben Richtung und
vereinigen sich zu gemeinsamer Gestaltfindung.
(Eine andere Plastik schafft nicht in den kubischen Block hinein,
sondern schafft aus einem runden oder amorphen Stoffe heraus; sie greift
auch lieber zum runden lebendigen Holz als zum toten Stein. So ist totes
Material dem Geometrischen verbunden, lebenerfülltes dem Organhaften.)
Enthalten Quadrat und Kubus noch kein Proportionsproblem, so wird ein
solches für Rechteck und Quader Mittelpunkt aller Probleme. Noch bleibt
der Weg von außen nach innen gerichtet, noch bleibt die Forderung der
Sicherung der körperhaften und materiellen Erscheinung in der
Gesetzhaftigkeit des Dreidimensionalen unverändert, aber durch das
Proportionsproblem tritt doch eine Verschiebung ein gegenüber dem
Quadrat zugunsten einer organhaften Gestaltung, denn der Gehalt des
Rechtecks an Bewegung und Leben ist größer als der Gehalt des Quadrats.
Diese Verschiebung des Verhältnisses zwischen dem architektonischen und
dem organhaften Prinzip zum Organhaften hin, als eine Wirkung der
verschiedenen Eigengesetzlichkeit und Wesenhaftigkeit der beiden
konstitutiven Figuren Quadrat und Rechteck, findet ihre Fortsetzung in
der Erhebung des Kreises zur konstitutiven Figur und findet ihre weitere
Fortsetzung nach dem Erlöschen auch der konstitutiven Macht des Kreises
bis zur Erhebung der organhaften Gestaltprinzipien selbst zu
konstitutiven Prinzipien.
Außerdem aber vollzieht sich diese Verschiebung zum Organhaften hin auch
in jedem einzelnen Kulturindividuum und innerhalb jeder einzelnen
konstitutiven Figur. Der bildnerische Ausdruckswillen entzieht sich im
Ablauf der Kulturen immer mehr dem Zwang der architektonischen
Gesetzhaftigkeit. Was sind die einzelnen Phasen der ägyptischen Kultur
anderes als die Etappen des Zurückweichens der starren und
absolutistischen Macht des Kubus vor der andrängenden Macht des nach
Ausdruck verlangenden Lebenstriebes; was sind die Etappen der
griechischen, der römischen, der byzantinischen Kunst, der Renaissance
und des Barock anderes als die einzelnen Phasen des Hinschwindens der
konstitutiven Macht der Geometrie vor der immer stärker werdenden Macht
des organhaften Gestaltungswillens in dem ganzen Kulturwerden?
(In diesem Durchkreuzen zweier Bewegungen, einer architektonischen und
einer organischen, entstand im Rechteck jene glückliche Situation, in
der sich das Architektonische mit dem Organhaften in jenem
Gleichgewichtszustand befand, in dem das statische Element noch nicht
gestört erscheint, dem lebendigen Ausdrucksverlangen aber bereits Raum
zur Entfaltung in diesem Rahmen des gesicherten Gesetzes gegeben war.
Dies ist die Situation, die die Griechen antrafen und ausbauten oder
züchteten. Kann man diese Situation, die das Entscheidende ist an der
griechischen Kultur, für ein Verdienst oder eine Schöpfung der Griechen
halten? Kreuzen die Griechen nicht nur den Weg, den die Kultur in dem
eigenzeitlichen Ablauf ihres Eigenlebens geht, in einem besonders
glücklichen Augenblick? Aber verkennen wir auch nicht, daß dieser
Augenblick nur einmalig sein kann.)
Als in dieser eigenzeitlichen Entwicklung der Kultur der Kreis an die
Stelle der konstitutiven Machtbildung rückte, wird zum erstenmal in
dieser Entwicklung die Gestaltung von innen nach außen führendes Prinzip
und damit Problem.
Als Bogen, Kreis und Kuppel in der Architektur erscheinen, ist das nicht
nur das Auftauchen eines neuen Formmotives, sondern das Erscheinen einer
neuen konstitutiven Macht. Die Kuppel löst die Erstarkung und Entfaltung
eines neuen Weltgefühls aus, und der Kreis bietet in der überragenden
Bedeutung, die er einem einzelnen Punkte, seinem Mittelpunkte, gibt, als
rationalen Begriff die Idee der Expansion und Konzentration dar. Ist die
Kuppel noch peripherisch gebundene Form, deren Wesenheit nur von innen
erlebt werden kann, so treten in Bogen und Kreis neben Spannung und
Ringbildung noch Ausstrahlung und Anziehung und Durchgang aller
Bewegungen und Richtungen durch einen Punkt als neue struktive Idee.
Dieser rational zu deutende Inhalt der Kreiskonstitution erweckt die
imperative Staatsmacht Roms (und aller späteren imperativen
Willensbildungen); unter der magischen Kuppel hingegen sammeln sich neue
Glaubensmächte. Die klassische Antike als eine Kultur der Vernunft und
der Erschließung alles Körperlichen, doch ganz und gar und eben deshalb
ohne religiöse Ergriffenheit und unmagisch, weicht einer in Kleinasien
und Syrien sich erhebenden Erneuerung der seelischen Welt; nur Rom hält
an den Werten der Rechteckkultur fest - zugunsten oder zuungunsten
unserer ganzen abendländischen Kultur -, weil es den zivilisatorischen
Wert der rationalen Griechenkultur erkennt, begreift und gebraucht.
Die Griechen haben nur von außen nach innen gebaut. Was ihnen von innen
entgegenkam, war noch sehr wenig, war auch in der Plastik noch sehr
wenig. Die Römer haben gelernt, auch innen zu bauen, daneben bauten sie
außen. Die beiden Formen deckten sich aber noch nicht, sie standen
nebeneinander. Erst die magische Kultur schreitet unzweideutig von innen
nach außen, erst sie weiß etwas vom Innenraum. Ihr Außen ist nur die
Rückseite von Innen. Rom setzt dem Innen, dem adoptierten magischen
Innen, ein griechisches rational körperliches Außen entgegen. Über ein
Jahrtausend arbeitet seither an der Aufgabe, Außen und Innen in Einklang
zu bringen. Gelungen ist das in der abendländischen Entwicklung in der
Gotik und im deutschen Barock. In der Gotik, weil man überhaupt, wie in
der magischen Kultur, von innen herausbaute und sich nicht um das Außen
kümmerte; im deutschen Barock, weil das Musikalische kein Innen und
Außen mehr unterscheidet.
Die Auseinandersetzungen zwischen Außen und Innen sind auch heute noch
nicht beendet. Sie sind verursacht worden, als in die Entwicklung der
Kulturen die geometrischen Figuren in konstitutivem Sinne eingriffen.
Erst aus der geometrischen Gesetzhaftigkeit heraus erstand dieses
Problem einer Gestaltschaffung von außen nach innen, denn in den
organhaften Kulturen gibt es keinen Konflikt zwischen Außen und Innen,
zwischen Architektur und organhafter Gestaltung, weil es in ihnen keine
Architektur geben kann, kein Außen, sondern nur ein Innen, eine Baukunst
als ein Gestalten im Sinne einer Organschaffung und ein bildnerisches
Gestalten von innen. (Fortsetzung folgt)
Aus: Deutsche Bauzeitung, 68. Jg. (24. Oktober 1934), S. 841-846
|